Kösener Schulverhältnisse Mitte des 19. Jahrhunderts

1840 – Der Streit des geistlichen Inspektors mit der Salinenverwaltung

1853 – Die Gemeindeschulordnung

1868 – Der „Exzess“ der Schullehrer

Nach den damals üblichen gesetzlichen Bestimmungen bestand eine Unterrichtspflicht für Kinder vom 5. bis 12. Lebensjahr. Kosten für die Unterhaltung des Schulhauses und die Besoldung der Lehrer einschließlich deren Unterbringung mußte die Gemeinde aufbringen, die dafür von den Eltern ein Schulgeld erhob. Einige Familienväter hatten zwar eine feste Einstellung bei der Saline, die meisten schlugen sich als kleine Handwerker, Handarbeiter oder Tagelöhner durch. Daher war der Verdienst sehr gering und im Winter, wenn die Saline nicht produzierte, der Holzhandel eingestellt und die Badegäste ausblieben, herrschte arge Not in den meisten Familien. Das wenige Geld brauchte man für Lebensmittel, Heizmaterial und Miete. Daher war die  Schulkasse ständig leer und die Gemeinde musste sparen wo es nur ging. Dazu gehörte in erster Linie die Besoldung der lehrer, was viele Bewerber abschreckte, so dass man sich zumeist mit völlig ungeeigneten und webnig Personal begnügte. Für die über zweihundert Kindern, die die Elementarschule besuchten, gab es zwei Lehrer und wegen der begrenzten Räumlichkeiten, waren die beiden Klassen geteilt, der Unterricht fand mit reichlich verkürzten Stunden am Vormittag und am Nachmittag statt. Außerdem war der 2. Lehrer gleichzeitig Küster und Kantor und konnte daher oftmals garnicht unterrichteten.

 

Daher gab es ständigen Streit, ob bei der Eintreibung des Schulgeldes, der  Festsetzung der Besoldung der Lehrer, die unzureichenden Räumlichkeiten und die fehlende Wissensvermittlung. Außerdem herrschte ein gespanntes Verhältnis zwischen der Gemeinde und dem geistlichen Inspektor von Pforta, der die Schulaufsicht hatte. Dazu kam die Sonderstellung der Saline, die als fiskalisches Unternehmen nicht zu Gemeindeabgaben verpflichtet war, dagegen die Kinder der dort Beschäftigten den überwiegenden Teil der Schüler ausmachten.

1843 entspann sich ein Streit, nachdem die Salinenverwaltung von den Lehrern die Herausgabe der Zensurenlisten der schulpflichtigen Kinder der Knappschaftsfamilien verlangte hatte, ohne vorheriges Einverständnis des geistlichen Inspektors. Der fühlte sich übergangen und verbot die Herausgabe. Daraufhin wandte sich die Lokaldirektion an das Oberbergamt, dieses reichte die  Beschwerde der zuständigen Abteilung bei der Kgl. Regierung weiter, worauf der geistliche Inspektor eine Stellungnahme abgeben musste.

 

An E. Königlich Hochlöbliche Regierung, Abtheilung für Kirchen und Schule zu Merseburg

Pforta, am 30ten Mai 1843

Bericht des geistlichen Inspectors Niese über das Verhältniß der Königl. Salinen-Verwaltung in Kösen zu der dortigen Elementarschule.

Der sehr geehrtesten anbei zurück erfolgenden Marginal-Aufforderung E. Kgl. Hochlöbl.  Regierung vom 24ten dieses Monats zufolge, erwidere ich ganz gehorsamst:

a.) Daß die Königl. Salinen-Verwaltung in Kösen nicht in der geringsten Beziehung zu den dortigen Schulwesen steht, indem weder ein Mitglied derselben in dem Schülerstande sich befindet (Anm. das betrifft nur die Beamten, deren Kinder Privatunterricht erhielten), noch auch dieselben je bei den baulichen und andern Einrichtungen in der Schule betheiligt gewesen ist, wie denn auch die vor einigen Jahren unternommene Verlegung des Schulhauses und der gänzliche Umbau desselben nur aus den Mitteln der Gemeinde und durch außerordentliche Königliche Unterstützung ausgeführt worden ist, und die Gemeinde noch jetzt das damals aufgenommene Kapital zu verzinsen hat.

b.) Daß bei der schon früher einmal bestandenen und in den letzten Jahren wieder eingeführten jährlichen Prämien-Vertheilung bisher das Verfahren beobachtet worden ist, daß die dortigen Schullehrer unter Berathung mit dem geistlichen Inspector die fleißigsten und sittlich besten Kinder, in den letzten Jahren jedesmahl 10 an der Zahl, ausgewählt und für die Prämien-Vertheilung in Vorschlag gebracht haben, und dann dieses Verfahren auf eine frühere Verordnung  des Kgl. Ober-Berg-Amtes in Halle selbst gründen muß, indem sich in den Acten des Inspectors ein Schreiben  der Kgl. Salinen-Verwaltung in Kösen an den  damalige geistlichen Inspector John vom 27. Febr. 1819 vorfindet, in welchem es ausdrücklich heißt: „daß wir mittelst Hoher Verordnung E. Kgl. Hochlöbl. Ober-Berg-Amtes zu Halle aufgefordert worden sind, Euer Hochwürden von der Bestimmung der besorgten 20 Thaler in Kenntniß zu setzen und unter Berathung mit Wohldemselben Sorge zu tragen, daß diese Ausgabe so nützlich als möglich zu dem bestimmten Zwecke verwendet werde.“ 

c.) Daß für diese Prämien-Vertheilung und außerdem zur Anschaffung von Schulbüchern für die Kinder der Kösener Salinenarbeiter und sonstigen Knappschafts-Gewerken aus der dortigen Knappschafts-Kasse zu entnehmenden jährlichen Fonds von 20 Thalern bestimmt ist.

Ich erlaube  mir jedoch zu näherer Erläuterung des vorliegenden Fonds hinzuzufügen: daß die Kgl. Salinen-Verwaltung in Kösen erst in diesem Jahr unter eigennütziger Abweichung von dem bisherigen Verfahren eine unmittelbare Aufforderung unmittelbar an die beiden Schullehrer in Kösen hatte ergehen lassen, in welchem sie von  denselben eine Mittheilung der halbjährlichen Censurlisten verlangt hatten, um für die diesjährige  Prämien-Vertheilung die würdigsten Schulkinder selbst auswählen zu können, worauf ich jedoch die beiden  Schullehrer auf ihre an mich  gerichtete Anfrage über diesen  Fall dahin  beschieden: daß ich diese aus füglichen Gründen  zu einer solchen Mittheilung nicht für geeignet halte.

Ich bin überzeugt, daß für Kgl. Hochlöbl. Regierung mir Ihre vollkommene Zustimmung nicht versagen werde, daß diese  Censurlisten, in welchen Lob und Tadel eines jeden Kindes  mit gleicher Bestimmtheit  und Entschiedenheit  ausgesprochen sind, als ein Eigenthum und Heiligtum der Schule angesehen werden müßen und deshalb nicht an ein außerhalb befindliches Ressort verabfolgt werden dürfen, und daß das bisherige Verfahren, nach welchem die Lehrer in Uebereinkunft mit dem geistlichen Inspector auch ihrem besten Wissen  und Gewissen der Kgl. Salinen-Verwaltung die fleißigsten und sittlichsten Kinder für die Prämien-Vertheilung vorschlagen, ein durchaus Angemessenes gewesen ist, abgesehen davon, daß die Schullehrer in Kösen der dortigen Salinen-Verwaltung in keiner Weise zu einer solchen Dienstleistung, in der halbjährlichen Einreichung der Censurenlisten sämmtlicher Kinder der Knappschaft sein werden, ihrem Amte und  der Lage der Sache  nach verpflichtet sind.

Niese

 

An E. Königl. Hochlöbliche Regierung, Abtheilung für das Kirchen und Schulwesen zu Merseburg

  1. Kgl. Hochlöbl. Regierung geben wir in der Anlage den uns unterm 6ten Juni v. J. gefälligst communicirten Bericht des geistlichen Inspectors Niese zu Schulpforte mit dem Bemerken ergebenst zurück, daß wir die Mittheilung eines Auszuges aus dem Censurenlisten der Kösener Ortsschule, soweit sie die Kinder dortiger Knappschaftsmitglieder betrifft, nicht wie der p. Niese annimmt, zu dem Zwecke wünschten, um ihn und die Orts-Schullehrer von der Theilnahme an der Auswahl derjenigen Kinder ausschließen zu können, welche durch Ertheilung von Prämien ausgezeichnet werden sollen, sondern lediglich deshalb, weil die Salinen-Verwaltung zu Kösen den Fonds verwaltet, aus dem die Kosten für die Anschaffung der Prämien  bestritten werden, und weil ihr zunächst die Sorge für das Wohl der Kösener Knappschaft und deren Angehörigen obliegt, so also ein wahres Interesse dabei hat, zu erfahren welche Fortschritte die Schulkinder der Knappschaft im Allgemeinen, ganz besonders aber diejenigen machen, welche durch Prämien ausgezeichnet werden sollen.

Lediglich in Rücksicht auf dieses Interesse, und nachdem wir die Salinen-Verwaltung bereits  angewiesen haben, nach wie vor bei der Auswahl derjenigen Kinder, welche die Prämien empfangen sollen, den geistlichen Inspector von Schulpforta resp. die Orts-Schullehrer vorzugsweise zuzuziehen, um in dieser Hinsicht der Erstern Vorschläge entgegen zu nehmen, erlauben wir uns, die in unserm ergebensten Schreiben vom 12ten Mai v. J. ausgesprochene Bitte hier zu wiederholen, indem wir  noch bemerken, daß wenn wir es auch ganz angemessen finden müssen, daß die Censurenlisten der Einsicht eines  jeden Fremden vorenthalten werden, der Fall hier jedoch ganz anders liegt, indem die Salinen-Verwaltung, welcher das Wohl der Knappschaft zunächst anvertraut ist, nicht als ein Fremder zu betrachten ist, es sich auch nicht um die Einsicht der Censurenlisten, sondern nur um Mittheilung eines Auszuges daraus, soweit sie die Kinder von Knappschaftsgenossen betrifft, handelt, und es, da es allerdings nicht im Officio der Lehrer liegen mag, dergleichen Auszüge zu fertigen, keinen Bedenken unterliegen würde, diese Lehrer für die Mühewaltung seitens der Salinenverwaltung zu entschädigen.

Halle, den 15ten Januar 1844

Königliches Niedersächsisch-Thüringisches Ober-Berg-Amt  

 

 

An E. Königl. Hochlöbl. Regierung, Abtheilung für Kirchen und Schule

Pforta, den 29ten Februar 1844

Bericht des geistlichen Inspectors Niese über die Mittheilung der Censurlisten der  Elementar-Schule in  Kösen an die dortige Salinenverwaltung 

Auf die sehr geehrte anbei zurück erfolgende Aufforderung zu einer fernerweiten Aussprechung über die Vorschläge des Kgl. Ober-Berg-Amtes in Halle vom 15ten d. v. M. betreffend die Mittheilung eines Auszuges  aus den Censurlisten der Kösener Elementarschule an die Kgl. Salinen-Verwaltung daselbst, beehre ich mich E. Kgl. Hochl. Regierung ganz gehorsamst zu erwidern:

Daß durch das  sehr geehrte Schreiben des Kgl. Ober-Berg-Amts in Halle vom 15. d. v. M. ich von Neuem ersucht und aufgefordert worden bin, zu der jährlichen Prämien-Auswahl und Vertheilung von Seiten der Kgl. Salinen-Verwaltung an Kinder der dortigen Knappschaftsgenossen zugleich mit den beiden Schullehrern in Kösen wie früher einen thätigen Antheil zu nehmen, wie ich denn  auch niemals habe glauben mögen, daß das Kgl.Ober-berg-Amt in Halle mit dem seit zwei Jahren von der Kgl. Salinen-Verwaltung betrachteten von der bisherigen Anordnung abweichenden Verfahren einverstanden sein könnte.

Was nun die Mittheilung eines Auszuges aus den Schul-Censurlisten an die Kgl. Salinen-Verwaltung betrifft, so sei es mir erlaubt, mich freimüthig darüber auszusprechen: Die Censurlisten einer Schule sind, wie ich dieses auch schon  in meinem ganz gehorsamsten Berichte vom 30ten Mai d. v. J.  vorangesetzt habe, ein Eigenthum  und Besitzthum der Schule, nämlich der Schullehrer, auch des Schulvorstandes und vornehmlich des Schulinspectors, und werden dazu angefertigt, daß besonders der Schulinspector in fortwährender Kenntniß des Fleißes und sittlichen Verhaltens der einzelnen Schulkinder sich  erhalten könne. Sollte etwas daraus zu allgemeiner Bekanntwerdung nach dem Urtheile der Schullehrer, des Schulvorstandes und des Schulinspectors gelangen müssen, so bieten dazu die öffentlichen Versammlungen zu denen jeder Schulfreund freien Zutritt hat, eine passende Gelegenheit. Sollen an Eltern, Vormünder, den Gemeindevorstand usw. aus desselben Mittheilung gemacht werden, so hängt das von der Absicht der Lehrer, des Schulvorstandes  und des geistlichen Inspectors ab. Die Kgl. Salinen-Verwaltung in Kösen hat an dergleichen Mittheilungen nicht mehr Ansprüche  als irgend jemand anderes haben würde, dem es von Interesse wäre, die Schuljugend kennen zu lernen, von welchen er wüßte, daß ihm späterhin aus ihnen seine  Dienstboten und  Untergebenen  zuwachsen würden.

Gleichwohl bin ich weit davon entfernt, die Gerechtigkeit des Wunsches des Kgl. Ober-Berg-Amtes zu verkennen und die verehrte Absicht desselben, der Kgl. Saline in Kösen dadurch  künftige und zuverläßige  Untergebene sicherer zu gewinnen, und dürfte einmal derselben aus einer solchen Gewährung niemals ein berechtigter Anspruch an die Schule  erwachsen, und  sodann müßte es auch dem Gutachten des Schulinspectors jedenfalls überlassen bleiben, in welcher Art und in welchem Umfange derselbe die gewünschten Mittheilungen an die Kgl. Salinen-Verwaltung verabfolgen wolle. In keinem Falle aber kann ich  dafür sein, daß die Kgl. Salinen-Verwaltung in Kösen in eine unmittelbare Berührung komme, da dieselbe in früherer Zeit einmal so weit gegangen ist, in einer Schulsache, in welcher die Lehrer sogar nach ihrer besten Ueberzeugung gehandelt hatten und nicht in der geringsten Schuld waren, denselben einen schriftlichen Verweis  zu kommen zu laßen. Wie ich nun wünschte von der mir vorgesetzten Behörde in allen möglichen Schutz genommen zu werden ... so habe ich es mir zur Pflicht gemacht, Jedem, der in irgendeiner Beziehung  mir untergeben und  anvertraut ist, so viel in meiner Hand liegt, nach außen hin  die allerfreieste und gesicherteste Stellung zu erhalten. Deshalb kann ich nicht dafür sein, daß die Schullehrer in Kösen mit der dortigen Kgl. Salinen-Verwaltung auch nur in einem Punkte in eine unmittelbare Beziehung treten.

Meine unmaßgebliche Meinung in dieser Sache ist daher: daß die Kgl. Salinen-Verwaltung in Kösen, so oft sie dessen bedürfen sollte, sich an den geistlichen Inspector in Pforte wenden und denselben um eine Auskunft über den Fleiß und das Betragen der Kinder der Knappschafts-genossen ersuchen wolle, welchen er sich gewiß zu seiner Freude machen wird, diesem Verlangen, in welchem er einen Beweis  der Theilnahme an den öffentlichen Schularten und der Ueberzeugung von der Wichtigkeit  desselben für das ganze spätere Leben erkennen wird, jederzeit  bereitwillig entgegenzukommen.

Wiewohl ich verhoffe es mir nicht, das dies doch nur als  eine geringe und unzulängliche  Betheiligung an dem öffentlichen Schulwesen betrachtet werden könne, und wie weit wünschenswerth es wäre, daß ein Mitglied  der Kgl. Salinen-Verwaltung in den Kösener Schulvorstand selbst eintreten könnte, was freilich zur Folge haben würde, daß sich die Kgl. Salinen-Verwaltung gänzlich zur Tragung der Lasten für die Instandhaltung der Schulgebäude, wie für die Befriedigung der anderweitigen Schulbedürfnisse verbindlich machen möchte.

  1. Kgl. Hochlöbl. Regierung wolle wegen dieses etwas verspäteten Berichtes den Unterzeichneten hochgeneigtest entschuldigen, da derselbe durch eine mehrwöchentliche Krankheit an der Erstattung desselben bisher behindert gewesen ist.

Niese.

 

An E. Königl. Hochlöbliche  Regierung, Abtheilung für das Kirchen und Schulwesen

  1. Kgl. Hochlöbl. Regierung benachrichtigen wir ergebenst, daß wir die Kgl. Salinen-Verwaltung zu Kösen nach Maaßgabe des geehrten Schreibens vom 11ten März mit Anweisung versehen haben.

Dabei können wir aber nicht unbemerkt lassen, daß es auf einem Mißverständnis beruhen muß, wenn Wohldieselbe unserem ergebensten Schreiben vom 15. Januar entnommen hat, daß wir für die gedachte Verwaltung den Auszug aus der Censurliste der Kösener Schule zu dem Zwecke wünschen, um auf Grund desselben die Prämien-Vertheilung unter Umgehung des Lokal-Inspectors und der Schullehrer vornehmen lassen zu können.

Wir sagen, daß diese Entnahme auf einen Mißverständniße beruhen muß, weil gerade das Gegentheil, nämlich das, daß wir  diesen Auszug nicht dazu zu haben wünschen, um auf Grund  desselben die Prämien-Vertheilung bewirken zu können, in gedachten Schreiben steht. Wenn also nichts anderes, als dieses Mißverständnis der Gewährung unseres zuerst in unserem ergebensten Schreiben vom 12. Mai v. J. ausgesprochenen und in dem vom 13ten Januar wiederholten Antrage entgegen steht, so tragen wir, nachdem wir in dem letztgedachten Schreiben auch schon mit angeführt haben, daß die Salinen-Verwaltung zu Kösen von uns ausdrücklich angewiesen ist, bei der Auswahl derjenigen Kinder, welche Prämien empfangen sollen,  nicht bloß den Local-Inspector, sondern auch die Schullehrer vorzugsweise zuzuziehen, kein Bedenken, den dergleichen Antrag hier nochmahls ergebenst zu stellen, da die Mittheilung des Auszugs aus der Censurliste, zweifelsohne  von allen bei weitem der kürzeste und sicherste Weg ist, auf welchem die Salinen-Verwaltung Kenntniß über die Führung und Fortschritte der die Kösener Schule besuchenden Kinder der Knappschaft erhalten.

Halle den 25ten July 1844

Königl. Preußisches Oberbergamt für Sachsen und Thüringen

  1. Bühlow Ebers

 

Merseburg, den 10. Aug. 1844

An E. Königl. Hochlöbl. Ober-Bergamt für Sachsen und Thüringen zu Halle

  1. pp erwidern wir auf das gefällige Schreiben v. 25. July ergebenst, daß unsererseits bei Abfassung unserer Mittheilung vom 11. März der Prämienvertheilung an die Schulkinder von der Saline zu Kösen betreffend, ein Mißverständniß nicht obwaltet hat, indem wir eine unmittelbare Verbindung der Salinenverwaltung mit den Lehrern zu Koesen zu obigen Behufe deshalb für unzuläßig erachtet haben, weil der Localschulinspector die nächste und unmittelbare Aufsicht über die Disziplin der Schule obliegt bei der Beurtheilung der Schüler seitens der Lehrer interessiert ist und dieselben bei Austheilung der Listen controlliren muß. Die Nothwendigkeit einer frühen Communication von seiten der Salinenverwaltung, mit dem Localinspector und durch letztern  mit den Lehrern hat E. pp  auch selbst schon  anerkannt und der genannten Verwaltung zur Pflicht gemacht.

So sehr erfreulich es aber nun ist, daß innerhalb der Cooperation an Salinen-Beamten und Arbeitern ein besonderer Fond zur Prämie an Schulkinder, welche sich durch Fleiß und gutes Betragen auszeichnen, vorhanden ist und alljährlich verwandt wird, so stehen die zur Saline gehörenden Schulkinder der Schule selbst nicht als Cooperation  gegenüber …...

Kgl. Reg. Abth.

 

An E. Königliche Hochlöbliche Regierung, Abtheilung für das Kirchen und Schulwesen

Wie sich aus dem geehrten Schreiben E. pp vom 10. d. M. ergibt, finden Wohldieselben den Grund zur Verweigerung eines Eingehens auf den von uns unterm 12ten Mai v. J. und 25. Juli d. J. im allseitigen Interesse gestellten Antrag: der Salinen-Verwaltung zu Kösen zu Ostern und Michaelis jeden Jahres eine Censurliste der die Kösener Schule besuchenden Kinder dortiger Knappschafts-Genossen, zustellen zu laßen, in der Nothwendigkeit, die gedachte Salinen-Verwaltung fern von einem unmittelbaren Verkehr  mit der Schule und namentlich  mit den dabei angestellten Lehrern zu halten und leitet diese Nothwendigkeit von einem speciellen Falle her, in welchem genannte Behörde diesen Lehrern gleichsam als die ihnen vorgesetzte Disziplinar-Behörde einen unverdienten schriftlichen Verweis ertheilt haben soll.

Wenn sich nun die Mittheilung der in Rede stehenden Censurlisten sehr wohl bewerkstelligen läßt, ohne daß dieserhalb ein unmittelbarer Verkehr zwischen der Salinen-Verwaltung  zu Kösen und  den dasigen Lehrern statt zu finden braucht, indem eine solche  leicht durch den Schul-Inspector zu bewerkstelligen ist, auch bei der  Verweigerung derselben wohl unbezweifelt  einiges Vorkommen des wohltätigen Einflusses statt findet,  welchen die gedachte Salinen-Behörde auf die mit ihr, durch  ihre Eltern, in näherer Verbindung stehenden Kinder und so nach also auch zum Vortheil der Lehrer, auszuüben im Stande ist, so können wir auch  dem dafür angeführten Grunde keine Anwendung hierauf einräumen, da das demselben untergelegte Factum, über welches übrigens E. pp.  vollständige Kenntniß nicht gegeben zu seyn scheint, aus ganz andern und gegenwärtig  noch fortbestehenden Ursachen herbeigeführt ist.

Seit einer Reihe von Jahren sind nehmlich aus knappschaftlichen Fonds für die Kösener Schule verschiedene Lehrmittelm größtentheils in Büchern bestehend, angeschafft, was bis zum Jahre 1839 unter Concurrenz des Schul-Inspectors zu Pforta geschah. Diese Lehrmittel blieben natürlich Eigenthum der Knappschaft, wurden als solches bei derselben inventarisiert und den Lehrern zu Kösen gegen deren Empfangsbescheinigung zum Gebrauche  bei der Erteilung des Unterrichts ausgehändigt. Hieraus folgte von selbst, daß diese Lehrer wegen Verwaltung eines Theils des Knappschafts-Eigenthums der Salinen-Verwaltung verantwortlich waren und letzterer das Recht zusteht, sich von der Art und Weise dieser Verwaltung Kenntniß zu verschaffen, auch event. dabei eingeschlichene Mißbräuche  abzustellen; dieses Verhältniß hat statt gefunden, seitdem dergleichen Lehrmittel in gedachter Weise angeschafft sind und zwar mit Wissen und amtlicher Zustimmung des jedesmaligen Schul-Inspectors zu Pforta.

Es ward aber zuerst verletzt, als im Jahre 1839 zu abermaliger Anschaffung neuer Lehrmittel geschritten werden sollte, und zu dem Ende der jetzige Schul-Inspector Herr Prediger Niese von oft gedachter Verwaltung um Abgabe von Vorschlägen ersucht ward; indem derselbe, statt diese Vorschläge abzugeben, einseitig und eigenmächtig bereits in den früheren Jahren angeschaffte und inventarisierte  Lehrmittel ohne Wissen der Salinen-Verwaltung an die betreffende Buchhandlung  zurück gab und an deren Stelle sowohl als  wie für einen Theil der zur Disposition stehenden Fonds, Kinderschriften anschaffte, nicht damit solche als Lehrmittel dienen sollten, sondern um sie gegen Entgeld an Jedermannn von der Schule ausleihen zu laßen. Da eine solche Anschaffung als sie zur Kenntniß der Salinen-Verwaltung kam, nicht wohl mehr inhibiert werden konnte, so wurden diese Bücher, wie gewöhnlich und nach Vorschrift, mit dem Stempel der gedachten Behörde  versehen und den Lehrern zum Gebrauch gegen deren Empfangsbescheinigung übergeben, wobei erstere indeß von  der Absicht  des Ausleihens  weder Kenntniß noch Ahnung hatten. Diese erhielt  sie erst zufällig, nach dem die Ausleihung bereits längere  Zeit  hindurch statt gefunden hatte und fand sich  sowohl wegen des dadurch veranlaßten frühzeitigen  Verderbs der Bücher, als auch weil es für durchaus unstatthaft gehalten werden mußte, mit dem Königl. Stempel versehene Bücher gegen Entgeld an jedermann auszuleihen, bewogen, den Lehrern einen solchen Mißbrauch zu untersagen.

Aus diesem Hergange wollen E. pp. geneigtest ersehen, daß das Factum ganz isoliert dasteht und mit der Mittheilung von Censurlisten eben so wenig in Verbindung gebracht werden, als durch deren Verweigerung das Verhältniß, aus welchen  es hervorgegangen, aufgehoben werden kann.

Auf die von E. pp. in Vorschlag gebrachte  vollständige und unmittelbare  Verbindung der mehrgedachten Salinen-Verwaltung mit der Schule zu Kösen mittelst des Eintrittes eines der Salinen-Beamten in den Vorstand der Schule selbst, bedauern wir nicht eingegen zu können, da dieses nach Wohlderselben Aeußerung nicht weiter als unter Theilnahme der Saline an den durch die Schule veranlaßten Gemeinde-Lasten geschehen kann, die sämmtlichen Knappschaftsgenossen, so weit sie Kinder zur Schule schicken oder in der Gemeinde ansäßig sind, aber bereits diese Lasten antheilig zu tragen haben und sonach die Knappschaft doppelt belastet würde, nicht zu gedenken, daß die von ihr für die in Rede stehende Schule angeschafften Lehrmittel, sowohl  den Lehrern als sämmtlichen Kindern zum Nutzen gereichen, sie also den übrigen Interessenten gegenüber bereits im Nachtheil stehet.

Halle, den 28. August 1844

Königlich Preuß. Ober-Bergamt für Sachsen und Thüringen                     

  1. Bühlow                       Seckendorf                  Ebers

 

 

Pforte, den 27ten September 1844

Eine Königliche Hochlöbliche Regierung, Abtheilung für das Kirchen und Schulwesen

Der geistige Inspector Niese berichtet  über eine Angelegenheit der Königlichen Salinen-Verwaltung und der Elementarschule in Kösen.

Mit dem in dem zugleich zurückerfolgenden Schreiben der Königlichen Oberbergamtes zu Halle vom 28ten August d. J. E. Kgl. Hochlöbl. Regierung gemachten Mittheilungen hat es folgende bewandnis:

a.) Als ich im Anfange  des Jahres 1839 in mein jetziges Amt als Lokal-Schulinspector von Koesen eintrat, wurde mir von dem damaligen Schullehrer Wacker in Kösen ein Paket Bücher, Landkarten und Zeichnungen eingehändigt, die mein Vorgänger der Inspector Schmieder zur Auswahl von Unterrichtsmitteln für die Schule in Kösen verschrieben hatte, und die aus der Knappschaftskasse der Kgl. Saline bezahlt wurden. Ich behielt die Hauptsachen und schickte Einiges nach Rücksprache mit dem Schullehrer Wacker an die W. Vogelsangsche Buchhaltung in Leipzig zurück. Ich habe dann der Kgl. Salinen-Verwaltung in einem späteren Schreiben vom 20. Dec.  Mittheilung gemacht und durch keine, weder schriftliche noch mündliche Aueßerung erfahren, daß diese Bücher, Landkarten und Zeichnungen  schon inventarisiert gewesen seien und eine Auswahl  aus denselben nicht mehr habe angenommen werden dürfen. Diese Bücher, Landkarten und Zeichnungen sind an meinen Vorgänger zwischen dem 19ten und 31ten Dezember 1838 verschrieben worden und es ist mithin unrichtig, daß ich „bereits die früher angeschafften und inventarisierten  Lehrmittel eigenmächtig an die Buchhandlungh zurückgegeben habe“ wie ich denn, um das gleich hinzuzufügen, auch vorher weder mündlich  noch schriftlich  und auch nachher  niemals ohne  vorhergehende Abrede von meiner Seite, um Abgabe von Vorschlägen zur Beschaffung neuer Lehrmittel von der Kgl. Salinen-Verewaltung ersucht worden bin.    

b.) Als ich in dem genannten Jahr in mein jetziges Amt eintrat, fand ich in der Schule in Kösen eine kleine von meinem Vorgänger angeschaffte Schul-Bibliothek vor, aus Kinderschriften bestehend, welche von den Schulkindern sehr fleißig und gern gelesen wurden und für die ein kleines  von den Eltern der Kinder gern gegebenes Lesegeld zum Besten der Schule bisher bezogen wurde war, welche aber eben deshalb in einem sehr verbrauchten und zerlesenen Zustande sich befanden. Ich wandte mich daher unterm 26ten Juli desselben Jahres an die Kgl. Salinen-Verwaltung mit der Bitte, um eine gefällige Verordnung bei dem Kgl. Ober-Berg-Amt in Halle für die Elementarschule in Kösen zur Ergänzung und Vervollständigung der bisher daselbst bestehenden Schulbibliothek, indem ich in meinem Schreiben den wohltätigen und bildenden Einfluß einer solchen Beschäftigung im Verstand und Gemüth der Kinder hervorhob, worauf mich die Kgl. Salinen-Verwaltung unterm 7ten September desselben J. benachrichtigte, „daß sie zur Anschaffung neuer Lehrmittel für die Elementarschule in Kösen ermächtigt sei und mich ersuchte, mich der Auswahl derselben gefälligst zu unterziehen“. Da das eben angefügte Schreiben sich ausdrücklich auf mein Gesuch vom 26ten Juli bezog, und gegen meinen Antrag auf Ergänzung der Schulbibliothek durchaus nichts in demselben enthalten war, so verstand ich den Ausdruck „Lehrmittel“ in einer ganz allgemeinen Bedeutung und bestellte hierauf die Kinderschriften von Barth, Christoph Schmidt, Nieritz u. a. und ergänzte und vervollständigte so die erwähnte  Schul-Bibliothek, indem ich wie bisher ein kleines Lesegeld von den ausgeliehenen Büchern durch die Schullehrer beziehen ließ, welches nach wie vor der Schulkasse zu Gute kam. Es ist mir nicht bewußt, daß ich an Stelle der an die Vogelschen Buchhandlung zurück geschickten Bücher Kinderschriften angeschafft, die Vogelsche Buchhandlung, an die ich mich, um Auskunft  darüber zu haben, gewandt, kann keine Rechnung auffinden, durch welche der Betrag der Remittende einigermaßen gedeckt würde, aber durchaus richtig ist es, daß ich diese Schriften „an Jedermann von der Schule ausleihen lasse“, sondern es sind dieselben lediglich an Schulkinder ausgeliehen worden. Wohl aber hat neben dieser Schulbibliothek bisher noch eine andere auch unter der Aufsicht der Schullehrer stehende Lesebibliothek für Erwachsene in Kösen bestanden; welche ich aus eigenen Mitteln angeschafft und gegründet habe, weil die Büchercolporteure eine Menge  unnützer  und schädlicher Bücher der Kösener Gemeinde in die Häuser brachten, wozu mir auch E. Königl. Hochlöbl. Regierung durch den Königl. Landrath in Naumburg die Genehmigung ertheilt hat. Es ist möglich, daß in Folge hiervon das Königl. Ober-Berg-Amt in Halle zu einer so ganz falschen Voraussetzung verleitet worden ist.

Dies war der Hergang der Sache gewesen, als mir die Königl. Salinen-Verwaltung unterm 23. März 1840 Abschrift von einem Schreiben an die Schullehrer Huck und Warner zugehen ließ, in welchem sich dieselbe erlaubte, den Schullehreren über ihr Verfahren, von dem für die Schulbibliothek aus der Knappschaftskasse angeschafften Bücher ein Lesegeld zu entnehmen, einen Verweis zu ertheilen, was dieselben doch unter meinem Verwissen und mit meiner Bewilligung gethan hatten. Ich erlaube mir diese Abschrift E. Kgl. Hochlöbl. Reg. originaliter  hier mitzutheilen. So wenig ich diesen Eingriff nun auch unbeachtet hingehen lassen kann, so ist doch von den aus der Knappschaftskasse gekauften Kinderschriften kein Lesegeld weiter erhoben worden. Das Kgl. Ober-Berg-Amt in Halle hat auf ein wiederholtes Gesuch von meiner Seite, der  Elementarschule in Kösen diese kleine Einnahme zu gewähren, gleichwohl nicht geneigt auf dasselbe einzugehen und die Bücher wurden von da an unentgeltlich verliehen. Nur aus dem Gebrauch derselben überhaupt, daß sie nämlich nach dem ausdrücklichen Verlangen des Königl. Ober-Berg-Amts gar nicht zur  häußlichen Benutzung auszuleihen, sondern nur innerhalb der Schule und zwar im Schulunterricht selbst gebraucht werden sollten, darüber haben die Verhandlungen bis ins vergangene Jahr fortgedauert und  nicht zuletzt zu der Erklärung getrieben, daß diese Schriften für die verlangte Benutzung in keiner Weise sich eignen, sondern insofern sie durchaus den Kindern zum häußlichen Lesen nicht verabfolgt werden dürften, ganz außer Gebrauch gesetzt und E. Königl. Ober-Berg-Amt zur anderweitigen Disposition gestellt werden müßten. Hiermit erhielt ich unterm 15ten Januar d. J. die unerwartete und wohlwollende Aufforderung, welche ich ebenfalls E. König. Hochlöbl. Reg. mitzutheilen mir erlaube. Ich hatte unterdessen aus andern Mitteln eine neue kleine Schulesebibliothek wieder hergestellt.

So und nicht anders hat sich die Sache verhalten, und E. Kgl. Hochlöbl. Reg. wollen daraus hochgeneigtest entnehmen, wie viel von  Richtigkeit  in den an Hochdieselben von dem Kgl. Ober-Berg-Amt gemachten Mittheilungen und Beschuldigungen übrig bleiben. Ich kann mir dieselben um so weniger erklären, als die Kgl. Salinen-Verwaltung in Kösen auch nachdem ich die ersten Buchhändler-Quittungen über die für die Schule in Kösen angeschafften Kinderschriften unterm 25ten Januar 1840 desselben eingereicht, nicht nur keine Ausstellung an der von mir getroffenen Wahl der Bücher gemacht, sondern mich sogar daran erinnert hat, daß noch 14 Thaler in der Kasse vorhanden sein. Welche  ebenfalls „zu dem guten Zwecke“ verwendet  werden könnten. Auch kann ich nicht umhin, schließlich zu bemerken, daß mir nicht bekannt ist, daß die Kgl. Salinen-Verwaltung in Kösen jemals zu der dortigen Elementarschule, und den von derselben angestellten Lehrern, in einem unmittelbaren Verhältnisse gestanden habe, muß es  auch in Abrede stellen, daß der gedachte Eingriff derselben als ein „ganz isoliertes Factum“ dastehe, da vielmehr, wie mir durch die Schullehrer angezeigt worden, auch noch  späterhin einmal von einem Mitglied derselben ohne „Wissen oder amtliche Zustimmung des Schulinspectors“ eine Revision des aus der Knappschaftskasse angeschafften Inventars im Schulhauses vorgenommen worden ist, worauf die Schullehrer angewiesen werden mußten, im Wiederholungsfalle das Aufschließen des Schrankes, in welchem dasselbe aufbewahrt wird, zu verweigern.

Ich fühle mich gedrungen, E. Kgl. Hochlöbl. Reg. in dem ganz gehorsamsten Berichte vom 20ten Mai v. J. und 29ten Februar d. J. ausgesprochene  Ueberzeugung zu wiederholen, daß es mit der disciplinarischen Einrichtung unserer Schule nicht verträglich sein würde, die Censurlisten derselben an ein außerhalb der Schulvorstandes  und seine höhern Vorgesetzten sich befindendes Ressort gelangen zu lassen, sondern bitte vielmehr E. Kgl. Hochlöbl. Reg. ganz gehorsamst, Hochdieselbe wolle es bis zu der unterm 11ten März dieses und 6ten Juni d. v. J. ausgesprochenen Entscheidung auch fernerhin hochgeneigtest bewenden lassen, da durch dasselbe dem Wunsche  und etwaigen Bedürfnisse des Kgl. Salinen vollkommen Befriedigung und Genugthuung bereits widerfahren ist. Die Kgl. Saline-Verwaltung eröffnet sich in irgendeiner Weise der Eintritt in den Schulvorstand, der dann allein als der rechtmäßige, wünschenswerthe  und zu dem beabsichtigten Zwecke, die Kinder, welche künftig in ihre Dienste treten werden, genau kennen zu lernen, führende Weg betrachtet werden: diejenigen Knappschaftsgenossen, welche Kinder zur Schule schicken, haben natürlich die durch die Schule erwachsenden Gemeindekosten mitzutragen; die Kgl. Salinen-Verwaltung  aber will sogar für die Zukunft zu gemeinnützigen, der ganzen Schule zu gute kommenden Lehrmitteln aus der Kanppschaftskasse der Elementarschule keine Lehrmittel mehr gewähren, wodurch die einzige einigermaßen nähere Beziehung zwischen beiden in der letzten Zeit  auch noch aufgehoben ist, worauf  möchte nun wohl für die in den Gemeindeverband von Kösen nicht mit eingeschlossene Königl. Saline  ein Anspruch auf die Aufnahme derselben in den Kösener Schulvorstand gemacht werden können, wofern sich dieselbe  nicht noch  anderweitig an dem dortigen Schulwesen sich zu betheiligen und zu bethätigen bereit erklären wollte.

Ich muß es übrigens mit Dank anerkennen, daß das Kgl. Ober-Berg-Amt in Halle einer letzten Verfügung zufolge die oben erwähnten bis auf Weiteres zurückgestellten Lesebücher nach Austilgung des Kgl. Salinenstempels der Schule in Kösen zum beliebigen Gebrauche überlassen hat.

Niese

 

Die ständigen Differenzen veranlassten dann die Behörden, der Gemeinde die Verbesserung der bestehenden Verhältnisse der Elementarschule und deren Anpassung an die derzeitigen Gegebenheiten aufzuerlegen. Damit verbunden war eine neue Schulordnung, mit der allen weiterern Differenzen vorgebeugt werden sollten und die nach längerer Diskussionen auch mehrheitlich von der Gemeinde beschlossen wurde. Allerdings stimmten die ärmeren Familienväter mit schulpflichtigen  Kindern dagegen.

 

Schulordnung

für die Gemeindeschule zu Kösen

  • 1

Die Gemeindeschule zu Kösen wird vom Michaelis 1853 ab in drei aufeinanderfolgende Lehrklassen getheilt, denen die Gemeindeschullehrer mit Einschluß des Rectors vorstehen.

  • 2

Es soll jedoch schon jetzt darauf Bedacht genommen werden, nach dem Tode des pensionierten Lehrers Huck mit Genehmigung der Königl. Regierung noch einen vierten jüngeren Lehrer anstellen zu können.

  • 3

Die Schulkinder aller Einwohner, welche der neu organisierten Gemeindeschule zugeführt werden, nehmen in allen Schulklassen einzig und allein nach ihren Fähigkeiten diejenigen Plätze ein, welche ihnen von den Lehrern angewiesen werden.

  • 4

Den Unterricht in der obersten Klasse ertheilt vorzugsweise der Rector der Schule, welchem die spezielle  Leitung der gesammten Gemeindeschulwesens nach einer von der Königl.  Regierung zu ertheilenden Instruction übertragen wird. Es stehen sonach nicht nur die anderen beiden  Schulklassen sondern auch  deren Lehrer zunächst und soweit dies  die zu ertheilende Instruction besagt, unter der Beaufsichtigung des Rectors.

  • 5

Sämmtliche Gemeindeschullehrer bekommen ein festes Gehalt aus der Gemeindeschulkasse welches ihnen in monatlichen Raten und zwar für den abgelaufenen Monat gezahlt wird. Es werden hierzu vorläufig festgesetzt:

1.) für den Rector: Dreihundert Thaler jährlich, nebst freier Wohnung

2.) für den Lehrer der zweiten Klasse: Einhundertundfünfzig Thaler jährlich nebst freier Wohnung

3.) für den Lehrer der dritten Klasse: Einhundertundzwanzig Thaler jährlich nebst freier Wohnung.

Außer vorstehenden Gehalt bekommt jeder der drei Lehrer jährlich noch Zehn Thaler für die Heizung seiner Schulstube, wofür er selbst zu sorgen hat, aus der Gemeindekasse vergütet.

Sobald sich die Schulmittel des Ortes verbessern und die Lehrer sich  eifrig bestreben, ihre Thatkraft der Erziehung unserer Jugend bestmöglichst zu widmen, sollen ihnen angemessene Zulagen zum Gehalte in Aussicht stehen.

  • 6

Alle Angelegenheiten, welche das Wohl und die Bedürfnisse der Gemeindeschule betreffen, beobachtet, beschließt, ordnet und  überwacht in erster Instanz der Schulvorstand, welcher aus drei  permanenten und drei wechselnden Mitgliedern besteht.

Die permanenten Mitglieder des Schulvorstandes  sind:

1.) der geistliche Inspector zu Pforta

2.) der Ortsrichter zu Kösen oder dessen Stellvertreter

3.) der Rector der Schule oder dessen Stellvertreter

Die drei wechselnden Mitglieder des Schulvorstandes sind:

1.) ein Familienvater aus dem Handarbeiterstande

2.) ein Familienvater aus dem Stande der selbständigen Gewerbemeister

3.) ein Familienvater aus dem größeren Besitz-Stande

Diese drei wechselnden Mitglieder des Schulvorstandes werden von der Gemeindeversammlung mittelst Stimmzettel gewählt, und  scheiden nach dreijähriger Amtsdauer von selbst aus, so daß die Gemeinde nach Verlauf der ersten drei Jahre, vom Beginn dieser Schulordnung ab, alljährlich ein neues Mitglied zum Schulvorstande zu wählen hat. Die Ausgeschiedenen sind natürlich wieder wählbar.

Wer keine Kinder unter fünfzehn Jahren hat, kann nicht wechselndes Mitglied des Schulvorstandes werden oder bleiben.

Den Schulvorstande liegen alle diejenigen Verpflichtungen ob, welche ihm das Gesetz überträgt, ohne die dem geistlichen Schul-Inspector gesetzlich allein zustehenden amtlichen Befugnisse irgendwie störend zu  berühren.

  • 7

Kein Familienvater  oder Erzieher darf dem Lehrer weder in seiner Wohnung noch weniger aber in der Schulstube Vorhaltungen oder Verweise über Unzufriedenheiten wegen der Schule machen. Alle Klagen und Beschwerden die Jemand in Schulsachen anbringen will, sind zunächst bei den geistlichen Inspector eventualiter  bei dem Rector anzubringen, welche nöthigenfalls das weitere an  den Ortsrichter oder Schulvorstand zu veranlassen haben. Der Schulvorstand ist verpflichtet, alle derartigen Beschwerden zu untersuchen, zu schlichten und, wo thunlich, abzustellen.

  • 8

Alljährlich vor Ostern wird eine  öffentliche Schulprüfung in allen drei Klassen abgehalten, zu welcher Eltern und Schulfreunde hierdurch eine  für allemal eingeladen sind. Tag und Stunde der Prüfung wird zuvor auf passende  Weise  durch den Schulenvorstand bekannt gemacht, namentlich auch durch die Schulkinder den Eltern mitgetheilt.

  • 9

Der Rector entwirft alljährlich vor der Osterprüfung einen Lectionsplan für alle Schulklassen, in welchem die Lehrfragen der einzelnen Klassen so abgestuft sind, daß jede Klasse der nächst oberen planmäßig vor- und zuarbeitet. Diesen Lectionsplan legt der Rector dem geistlichen Inspector zur Prüfung und  weiteren Veranlassung  und dem Schulvorstand vor.

  • 10

Zur Erwachsung und Erhaltung des Fleißes, so wie zur  Aufmunterung im Streben nach einem sittlich guten Betragen in und außerhalb der Schule, ertheilt der Klassenlehrer gewissenhaft jedem Schulkinde alle  Quartale eine Schulcensur, wozu ihm  die gedruckten Formulare geliefert werden. Auch sollen alljährlich, am Schluße der öffentlichen Schulprüfung  in jeder Klasse  den fleißigsten und musterhaftesten Schulkindern Prämien ertheilt werden.

Die Ertheilung geschieht öffentlich vor allen Anwesenden, durch den Schulvorstand nach vorheriger Besprechung mit dem Klassenlehrer. Es bleibt jedoch weiterer Beschlußnahme  hierüber  dem Schulvorstande vorbehalten.

  • 11

Das Schulgeld wird monatlich an die Schulkasse gezahlt und beträgt in den untersten Klassen 2 Thaler  jährlich für jedes  Schulkind, für die obersten Klasse aber bezahlt  der Vater oder Erzieher  für jedes Kind genau so viel Schulgeld als er Klassensteuer  für seine  Familie bezahlt, jedoch nicht unter 2 Thaler und nicht über 6 Thaler jährlich.

Wer also z.B. 3, 4, 5,  oder 6 Thaler jährlich Klassensteuer  gibt, zahlt auch solange  sein Kind  die oberste Klasse besucht, 3, 4, 5, oder 6 Thaler jährliches Schulgeld für dasselbe.

Für Kinder welche nicht Kösener Einwohnern angehören, sondern nur hier in Pflege und Erziehung sich befinden, wird der eineinhalbfache Betrag der vorstehenden Schulgeldsätze bezahlt. Die Kinder der zu Fränkenau und Cuculau wohnenden Familien werden natürlich den Kösenern gleich gerechnet.

Für Kinder von Badegästen, wenn solche die Gemeindeschule besuchen sollen und Raum zur Aufnahme derselben vorhanden ist, wird in allen Klassen 15 Silbergroschen monatlich für jedes Kind an die Schulkasse bezahlt.

  • 12

Der Rector der Schule, welcher natürlich das Rectorats-Examen gemacht haben muß, ertheilt an jedem Wochentage nach Schluß der gewöhnlichen Schulstunden eine Stunde in der französischen oder lateinische Sprache, so daß wöchentlich 3 Stunden lateinisch und 3 Stunden französisch unterrichtet wird, ohne daß jedoch durch diesen Unterricht der gesetzliche Zahl seiner  Unterrichtsstunden verrechnet  werden soll. An diesem Sprachunterricht kann jedes Kind der beiden oberen Klassen Theil nehmen, sobald der Vater oder Erzieher desselben außer den gewöhnlichen Schulgelde 5 Silbergroschen monatlich oder 2 Thaler jährlich  zur Gemeinde- Schulkasse zahlt.

Diese zwei Thaler jährlich werden für jedes theilnehmende Kind gezahlt, ganz gleich ob dasselbe nur lateinisch oder nur französisch oder beides zusammen lernen soll.

Das Honorar des Rectors für diesen Unterricht in den fremden Sprachen liegt mit in seinem § 5 stipulirten Gehalt von 300 Thalern. Es soll aber darauf Bedacht genommen werden, daß dem Rector dann die eine Hälfte des  Unterrichtsgeldes für fremde Sprachen als Gratification  aus der Schulkasse gezahlt werde, sobald  das § 11 festgesetzte Schulgeld schon zur Besoldung der drei Lehrer mit 570 Thalern in Summa ausreicht.

  • 13

Durch die in den §§ 11 und 12 festgesetzten Schul- und Sprachunterrichtsgelder, wird bei 240 Schulkindern, an denen augenblicklich nur noch einige fehlen, eine summarische Einnahme von ohngefähr Fünfhundertundsiebzig Thalern erzielt, und es garantiert die Gemeinde Kösen, den anzustellenden drei Lehrern das in § 5 festgesetzte Gehalt von 570 Thalern in Summa jährlich.

Sollte wieder Verhoffen das festgesetzte Gehalt von 570 Th. durch die Schul- und Sprach-Unterrichtsgelder nicht aufkommen, so wird der Fehlbetrag aus der Gemeindekasse gedeckt, welcher auch der etwaige Ueberschuß des Schulgeldes zufließt.

  • 14

Es soll noch Bedacht darauf genomen werden, daß die Knaben Unterricht im Turnen erhalten, und so wird das nöthige mit den Lehrern verabredet werden.

Ebenso soll darauf bedacht genommen werden, daß die Mädchen täglich eine Stunde Unterricht im Stopfen, Weißnähen, Ausbessern, Wäschezeichnen, Zuschneiden von Hemden und dergl. in der Schule durch eine geeignete Lehrerin  erhalten, nur muß es der Hand der Eltern freistehen, ob sie ihre Töchter  an dem weiblichen Unterricht in der Schule theilnehmen lassen wollen oder nicht, da für jede Schülerin vierteljährlich etwa fünf Silbergroschen zur Besoldung der Lehrerin wird bezahlt werden müssen. Das weiter Nöthige in dieser Angelegenheit  soll noch berathen  und wo möglich von einem Verein hiesiger  Frauen und Jungfrauen geordnet und überwacht werden.

  • 16

Abänderungen und Verbesserungen dieser Schulordnung bleiben vorbehalten.

 

Kösen, den 13ten September 1853

der Schulvorstand hiesiger Gemeinde

Niese, geistlicher Inspector zu Pforta            Pabst, Bahnhofs-Inspector

Schleicher, Ortsrichter zu Kösen                               Schmidt, Seilermeister

n.n.b. Rector zu Kösen                                              Knabe, Maurer

 

 

Die Einführung einer dritten Klasse und die Einstellung eines dritten Lehrers verbesserten die Schulverhältnisse und 1857 wurde auch das neue Schulgebäude auf dem Markt bezogen (heute steht hier die Lutherkirche). Zwar war hier schon der Platz für eine 4. Klasse, doch das Schulgeld reichte weder für einen 4. Lehrer noch für einen Rektor mit akademischer Ausbildung. So blieb es bei den drei mittelmäßigen Lehrkräften und einer stetig wachsenden Schar schulpflichtiger Kinder. Dass sich die Verhältnisse nicht wesentlich verbesserten, geht aus einem anonymen Schreiben aus dem jahr 1867 hervor.

 

Denk- und Bittschrift an die Hohe Königliche Regierung zu Merseburg

All überall in Stadt und Land schreitet Bildung und Intelligenz deren Grundlagen ja unbestritten die Schule ist, mit Riesenschritten fort. Nur leider bei uns dahier zu Kösen, einem Ort nicht Stadt nicht Land mit circa fünfzehnhundert Seelen liegt das Schulwesen noch im Argen und möge eine Wohllöbliche  Regierung hochgeneigtest einen Blick auf unsere Schulverhältnisse werfen.

Es sind dahier alljährig über zweihundertfünfzig in die Schule gehende Kinder in drei Klassen getheilt, zusammen mit drei Lehrern. In den ersten beiden Klassen sind einige fünfzig Kinder, die dritte mit mehr denn über hundert, also mehr als ein Lehrer übersehen  kann.

Es erhalten daher, um durchzukommen in dieser dritten Klasse die Kinder nur halben Unterricht, d.h. die  eine Abtheilung Vor- die andere Nachmittag-Schule, was tief zu beklagen ist, da die Kinder bei wöchentlich im ganzen  nur 10 und 16stündigen Unterricht sehr zurückbleiben.

In der zweiten Klasse ist der Lehrer zugleich Küster, Kantor und Organist und wird durch sein sehr einträgliches Amt noch manche Stunde versäumt. Leider ist derselbe statt nachzuholen beim Unterricht höchst lässig, gibt wenig, fast gar keine häußlichen oder Ferienarbeiten auf, geht während des Unterrichts zum  Kaffee und ist noch mehr wie sein Bruder, der dritte Lehrer, dem Spiel, ja  zuweilen  bis zum Morgen in öffentlichen Gesellschaften dem Spiel ergeben.

Überhaupt liegen die beiden Lehrer mehr den öffentlichen Gesellschaften und Lustbarkeiten, hauptsächlich dem Kartenspiel ob, deshalb langt auch ihr Gehalt, obgleich beide Kapitalisten sind, nicht aus und haben Zulagen beantragt. Unter solchen Verhältnissen bleiben seine Schüler ebenfalls sehr zurück und kommen hauptsächlich die meisten erst durch vorgerücktes Alter in die erste Klasse.

Die erste Klasse erhielt  vor zwei Jahren einen neuen ersten Elementarlehrer mit dem Rectortitel. Obwohl derselbe wohl berufstreu und fleißig ist, und namentlich den Kirchengesang  gehoben, so ist für die Dauer doch ein Erkalten und Ermatten im Hinblick auf die alle Jahre aufs neue zu erhaltende meist vernachläßigten Schüler zu befürchten, abgesehen von den Reibereien und den Neid des zweiten Lehrers der durch die Hebung des Kirchengesanges Eingriffe in sein Fach erblickte. Trotz der Bemühungen des Lehrers haben wir Schüler und  Schülerinnen gehabt, die  bei ihrem Abgange nicht selbständig ohne Beihülfe eine einfache Rechnung oder eine Briefadresse, viel weniger  einen nur unbedeutenden Brief schreiben konnten.

Der am meisten schlagende Beweis für eine Schulreform ist wohl ferner das Bestehen zweier Winkelschulen. In der einen werden von einer Lehrerin circa 25 Knaben und Mädchen nicht nur in Anfangsgründen sondern auch in Sprachen und in weiblichen  Handarbeiten bis zum 14ten  Jahre unterrichtet. In  der zweiten unterrichtet ein Kandidat zwölf bis vierzehn Knaben und Mädchen in Elementar und Sprachwissenschaften. Außerdem senden einige bemittelte Eltern ihre Kinder auswärts oder lassen ihnen häußlichen Unterricht geben.

Eine Hohe Königliche Regierung wird hieraus wohlersehen, daß der Unterricht einer gewöhnlichen Landschule nicht mehr unter den  jetzigen Verhältnissen genügt, um eine gründliche  Reform  und Veränderung der jetzigen Lehrer, so wie die Anstellung eines vierten Lehrers an der Zeit ist. Bei dieser Gelegenheit wäre vielleicht, ohne dem weisen Ermessen Einer Königl. Regierung vorzugreifen, die Schule in zwei  Knaben und zwei Mädchenklassen zu theilen, zumal eine  vierte  Schulstube vorhanden ist.

Möge Eine Wohlweise Königl. Regierung in diesen wohlgemeinte  unterthänigsten Vortrage nicht Eingriffe in ihre Bestimmungen finden, sondern nur ergebenste  wahrheitsgetreue Darstellung und Vorschlägen  für Verbesserung unserer übeln Schulverhältnisse erblicken, und diese wichtige und dringende Angelegenheit, welche  alle rechtlichen und braven Eltern sehr am Herzen liegt, um über die nur eine Stimme herrscht, hochgeneigtest baldigst untersuchen und in die Hand zu nehmen. Dieses ist der innigste Wunsch sämmtlicher dem Anspruch der Zeit und Intelligenz Rechnung tragenden Eltern der Gemeinde Kösen.

Kösen, den 24. August 1867

 

Umgehend wurde vom geistlichen Inspektor von Pforte eine Stellungnahme gefordert, der dies dem gerade erst zum Pfarrer der Kösener Gemeinde ernannten Geistlichen weitergab. Dessen Antwort lautete: ….daß ich  von der anonymen Denunciation des hier nicht unbekannten socialistischen Demokraten Kenntnis genommen habe und, soweit seine Bemängelungen des hiesigen Schulwesens auch nicht in Abrede zu stellende Thatsachen sich beziehen, diesen meine verschärfte Aufmerksamkeit  zuwenden werde.

Kösen, den 10. September 1867                    W. Barthold, Pfarrer  

 

Gleichzeitig schrieb Barthold dem 2. Lehrer, der als Kantor auch im Dienst der Kirchengemeinde stand.

Kösen, 17. Sep. 1867

An Herrn Lehrer und Cantor Gießler I

Es ist vor einiger Zeit eine anonyme Klageschrift über verschiedene Mängel des hiesigen Schulwesens von hieraus an die Königl. Regierung zu Merseburg eingesendet worden und von da zur Kenntnisnahme und Äußerung mir überwiesen.

Was Ihre Person betrifft, so wird  darin neben Klagen über Ihren Unfleiß in der Schule namentlich  hervorgehoben, daß sie durch Kartenspiel bei Tag und bei Nacht der Gemeinde ein Aergernis geben.

Daß diese Klage keine unbedeutende ist, ist mir sehr wohl bekannt. Wenn ich in meiner Rückantwort an die Königl. Regierung voräufig mit Stillschweigen hinweggegangen  bin, so ist dies aus Schonung gegen Sie geschehen. Doch glaube ich es Ihnen schuldig  zu sein, Sie wiederholt und dringend zu bitten und zu ermahnen, den Besuch öffentlicher Schenken möglichst zu meiden und dem Kartenspiel  daselbst endlich völlig zu entsagen.

Ich erinnere Sie an die §§ 3 und 4  der Instruction für evangelische  Schullehrer und Küster, wo es heißt: „Ein Schullehrer muß dahin trachten, in seinem ganzen Verhalten ein Vorbild  der Gemeinde zu sein und  mit seinem Wandel nicht  wiederum niederreißen, was er mit seiner Lehre gebaut. Er hat sich darüber vor Allem der wahren Gottseeligkeit zu befleißigen und in und außer dem Hause alles zu meiden, wodurch er Eltern und Kindern irgendwie Anstoß geben könnte. Wegen … Kartenspielens … sollen  Schullehrer im Wege  der Disciplinaruntersuchung … entlassen werden!“

Abschrift vorliegender Zuschrift ist zu den Schulakten genommen worden.

  1. Barthold Pfarrer.

 

Damit war die Angelegenheit zunächst abgetan. Doch nur eine halbes Jahr später kam es  zum  „Exzess der Schullehrer zu Kösen“  wie es in den Akten der Königlichen Regierung heißt, eine  handfeste Prügelei der drei Lehrer im Schulhaus, was sich wie ein Lauffeuer im Ort verbreitete  und durch zwei anonyme  Schreiben bei der Königlichen Regierung angezeigt wurde.

 

Königliche Hohe Regierung zu Merseburg

Die vielen Klagen über das hiesige Schulwesen zu Kösen können E. Königl. Reg. schon lange nicht mehr unbekannt sein und es ist höchst wünschenswerth, daß endlich, endlich darin von Seiten hoher  Königl. Reg. etwas geschieht  .

Heute am 5ten Mai gegen 10 Uhr ist aufs neue eine bedeutende blutige Prügelei  unter sämtlichen drei Lehrern vorgefallen, so daß öffentlicher Marktauflauf  und in Folge der Hilferufe der Frauen die Polizei in Anspruch genommen werden mußte, auch am Nachmittag keine Schule gehalten wurde in den beiden oberen Klassen. Das Königl. Kreisgericht wird allerdings die Schuldigen wohl zur Rechenschaft ziehen, doch hört die Feindschaft darum nicht auf, sondern wird immer größer.

Im Gesamtinteresse der Lehrer so wie der Eltern und Kinder wäre eine Versetzung derselben  gewiß dringend nöthig und das Beste in diesem Falle, da von Achtung und Liebe für dieselben ferner keine Rede mehr sein kann. Schon lange hat die Führung namentlich der beiden unteren Lehrer, welche täglich nach geschlossener Schule nur dem Wirthshausleben und dem Kartenspiel oft um hohen Preis bis tief in die Nacht  fröhnen, zu den ärgerlichsten Auftritten geführt, so daß denselben schon verschiedentlich Ohrfeigen angeboten wurden, auch beide schon von Weitem nach Tabakrauch und Wirthshaus duften.    

Ihrer Führung ähnlich ist natürlich auch ihr Schulunterricht, über den nur eine Stimme herrscht. Möge die Hohe Königl. Reg. doch ein Einsehen haben, die Sache untersuchen und dann eine gründliche Reform eintreten lassen. Dies ist der Wunsch aller rechtlich denkenden Eltern zu Kösen.

kN.

 

An Eine Hohe Königliche Regierung zu Merseburg

Kösen, den 6. Mai 1868

Die am vergangenen Dienstag unter den drei hiesigen Lehrern vorgefallene blutige Schlägerei, welche erst durch den Ortsvorsteher und Polizeidiener Einhalt  geboten werden konnte, gibt wohl am besten Zeugnis, daß denselben dahier gar zu wohl ist und selbe ihre Pflichten total vergessen haben. Gewiß ist es jetzt und hier  an der Zeit, die hiesigen sehr mangelhaften Schulverhältnisse gänzlich zu ändern. Der beste Beweis dafür ist wohl das Bestehen zweier Winkelschulen, die obwohl sehr theuer, auch sehr zahlreich besucht werden. Möge doch eine Hohe Regierung diesen dringenden von allen Seiten gefühlten  Bedürfnis  abhelfen und wenn möglich, eine Knaben- und  Mädchenschule jede aus zwei Klassen für welche auch der Platz da ist, einrichten. Die jetzigen Lehrer, die in den Augen aller hiesigen Einwohner  nicht nur durch diesen Fall, sondern auch durch  früher  gegebene Aergernisse mißliebig und aller Achtung bar sind, entfernen, denn jedenfalls würde sonst in Kürze eine neue Prügelei, blutiger wie die erste, vorfallen.

  1. Hohe Wohlweise Regierung bitten dringend darum viele Einwohner von Kösen

 

Daraufhin befahl die Königliche Regierung Bericht vom Superintendenten von Pforta und vom Landrat. Während der Superintendent dis dem Kösener Pfarrer überließ, begab sich Landrat v. Danneil persönlich vor Ort, um die Angelegenheit zu untersuchen.

 

Naumburg, den 11. Mai 1868

An die Königl. Regierung Abtheilung für das Kirchen und Schulwesen,

Der betrübende Vorfall hat nicht nur in Kösen dem Publikum ein schweres Ärgernis gegeben, sondern derselbe wird auch in dem umliegenden Ortschaften, wohin  zurückkehrende  Marktleute, die Nachricht davon gebracht, und selbst hier in Naumburg mit der größten  Indignation besprochen und allgemein wird auf ein energisches Einschreiten der Aufsichtsbehörden mit Zuversicht gerechnet. Der Vorgang ist um so betrübender als gerade in Kösen die Zuchtlosigkeit der Schulkinder schon oft geklagt worden ist, eine Bescheinigung, die  freilich bei solchen Beispielen ihrer Lehrer nicht Wunder nehmen kann.

Indem ich der Königl. Regierung gehorsamst anheim gebe, gegen alle drei Lehrer auf das Strengste im Disciplinarwege vorzugehen, kann ich die von allen achtbaren  Einwohnern Kösens getheilten  Ansicht nicht zurückhalten, daß eine Entfernung nicht bloß des ersten Lehrers  Hesse, sondern auch der Gebrüder Gießler von ihren jetzigen Aemtern in Berücksichtigung der öffentlichen Stimmung, welche auf eine solche Maaßregel dringt und in der That auch im Interesse des öffentlichen Wohls höchst wünschenswerth erscheint. Denn u. a. haben jetzt schon mehrere Familienväter, allerdings vornehmlich solche, deren Oppositionsgeist bekannt ist, und die nur zu geneigt sind, jede Schwäche  der öffentlichen Zustände in ihrem Sinne auszudeuten, sich dahin ausgesprochen, daß sie nicht gemeint  wären, ihren Kindern ferner zum Besuche einer Schule anzuhalten, deren Lehrer selbst so sittenverderbende Beispiele gäben. Was der Lehrer Hesse  insbesondere anbetrifft, so bitte ich die Königl. Regierung aus den beifolgenden Acten Hochgeneigtest zu ersehen, welche mannigfache Klagen derselbe auch sonst schon durch sein Verhalten hervorgerufen hat, und wie er sich namentlich einmal bereits in einem seiner  unzähmbaren Anfälle von Jähzorn zu einer körperlichen Mißhandlung des Polizeidieners Fürstenhaupt hat hinreißen lassen.

Schließlich bemerke ich gehorsamst, daß ich zu meinem Bedauern wegen der in dieser Sache  zu thuenden Schritte mich nicht zuvor mit dem Herrn Schulinspector, Pastor Barthold habe in Vernehmen setzen können, da ich am 8ten d. M. in der Pfarrwohnung erfuhr, daß derselbe auf mehrere Tage verreist sei.

Der Königl. Landrath, Geh. Regierungsrath v. Danneil

 

Als nächster äußerte sich der Pfarrers, der seiner Erklärung die Schilderung der Vorgänge seitens der Beteiligten anfügte.

 

An die Königliche Regierung Abth. für Kirchen und Schulwesen zu Merseburg

Der bedauerliche Vorfall hat in der Gemeinde eine gewaltige Entrüstung hervorgerufen. Darüber, daß Männer, die dem heranwachsenden Geschlechte mit dem Vorbilde eines ehrlich gesitteten  Wandels voran gehen sollen, sich dabei haben  fortreißen lassen, sich thätlich aneinander zu vergreifen. Das Urtheil eines schlechten alten Tagelöhners lautet: „Wenn das am grünen Holz geschieht , was soll am dürren werden?“ In ähnlicher nur noch viel schärferen Weise  äußern sich alle, mit denen man über die Sache ins Gespräch kommt; und die ist ja in kürzester Zeit im ganzen Ort bekannt geworden, da die mit viel Lärm verbundene Schlägerei, obwohl sie im Schulhause stattfand, doch von der einen Seite durch die geöffente Thür von den auf dem Wochenmarkt versammelten Frauen, und von der andern durch die nach dem Schulhofe hin offene Thür von einer Anzahl Kinder, Nachsitzern und Privatschülern  mit angesehen wurde.

Die Schlägerei ist nur die Explosion einer längst genährten gegentheiligen Erbitterung und diese wiederum hat wohl ihren tieferen Grund einestheils in einer unheilvollen, aus Hochmuth kommenden Reizbarkeit  des Lehrers Hesse und anderntheils  in einem gewissen Scheelsehen der beiden andern Lehrer, besonders des Geßlers I, auf die größere Begabung … des Hesse, zumal in der Musik.

Durch die ab 1866 erfolgte Besetzung der dritten Lehrerstelle mit dem Lehrer Leopold Geßler II ist zwar die Classe mit einem fleißigen  Lehrer versorgt worden, der dieselbe auch auf einen guten Stand gebracht hat; doch hat das  naturgemäße Zusammengehen mit seinem Bruder Geßler I, die befürchete Folge gehabt  und wird sie immer haben, daß beide  Brüder eine gewiße Parteistellung gegen  den ersten Lehrer einnehmen. 

Hinter den Männern stehen und  befördern den Zwiespalt  zwischen denselben die Frauen, in erster Linie Frau Hesse, eine reiche, allen besseren Taktes entbehrende Bauerntochter.

Große Gefahren erwachsen dem einträchtigen Zusammenleben und Zusammenwirken der drei Lehrer aus dem überaus beschränkten  Raum, auf welchen dieselben mit ihren Familien zusammen zu wohnen genöthigt sind. Es gehört in der That viel Selbstverleugnung auch der entschiedene Wille Frieden zu halten dazu, wenn nicht täglich durch die auf demselben Flur und Hof  wirthschaftenden Frauen und spielenden Kinder Reibungen entstehen sollten. Es wird diesem letzteren Mißstand abgeholfen werden, wenn das Projekt zur Ausführung kommt, das im Privatbesitz der Gemeinde  befindliche Lehrerwohnhaus zur Bürgermeisterei zu verwenden und den Lehrerfamilien getrennte Miethwohnungen im Orte anzuweisen. Vorläufig scheint jener, eben solche  dem geistigen Wohl der Schulkinder, als den Lehrerfamilien verderblichen Zwiespalt unter ihnen kaum anders gesteuert  werden zu können, als durch eine  anderweitige  räumliche Trennung der streitenden Parteien.

Die Meinung des Schulvorstandes zur Sache, die mit der Bitte zu Protocoll gegeben wurde, sie zur Kenntnis der Königl. Regierung zu bringen lautet wörtlich: „Es soll als allgemeines Urtheil hervorgehoben werden, daß durch jenen Vorfall die Achtung der Lehrer in der Gemeinde  tief erschüttert sei. Im einzelnen soll darauf hingewiesen werden, daß Herr Hesse nach allen Seiten hin als Anfänger des Scandals zu bezeichnen, daß Herrn Gießler I, zumal in seiner Stellung als  Kirchner ganz unhaltbar geworden, und Gießler II, wenn überhaupt etwas bei der Sache zu entschuldigen, am entschuldbarsten zu befinden sei....“

Mit vollkommender Hochachtung und Ergebenheit              W. Barthold, Pfarrer

 

Anlage 1: Bericht des 1. Lehrers Hesse

  1. Hochwürden Aufforderung gemäß erlaube ich mir gehorsamst über den traurigen Vorfall vom 5ten d. M. in hiesigen Schulhause Folgendes zu berichten und bitte im Voraus um gütige Verzeihung, daß ich, da dieser Fall nur ein Glied in der Kette der Verunglimpfungen ist, welche ich und meine Familie innerhalb der letzten zwölf Monate durch meine beiden Collegen den Brüdern Herrn Gießler I und II  habe ertragen müssen, etwas weiter aushole und im Laufe der Erzählung um der Wahrheit Willen genöthigt sein werde, mehrere unästhetische Ausdrücke zu gebrauchen.

Der Anfang der Feindschaft fällt in den Monat Juni v. J. als unser Dienstmädchen Louise Koch aus Gorsleben bei Sachsenburg einige Bund Bretter, welche bisher im Kohlenstalle gelegen hatten und weggeschafft  werden mußten, weil wir Kohlen anfahren lassen wollten, nach unseren sogenannten  Verschlag auf dem Oberboden der Schulwohnung schaffte. Deshalb setzte uns Herr Gießler I auf die gröblichste  Weise zur Rede und machte uns die ehrenrührigsten  Vorwürfe, nämlich die, daß ich zum Fenster heraussch.... und meine Frau den Pot de chambre, den er natürlich mit einem gemeinen Namen bezeichnete, jede Nacht sechsmal zum Fenster herausschüttete.

Wohl in jedem Orte werden solche Beschuldigungen der allgemeinen Verachtung preisgegeben, wie vielmehr in dem schmucken Kösen, welches seiner Reinlichkeit  und Helligkeit wegen der Wohnsitz so vieler hochgesitteten Familien geworden ist.

Die Fortsetzung dieses Verfahrens mußten wir im September v. J. erfahren, als Herr Gießler II zuerst meine Frau und dann in Gemeinschaft seines Bruders auch mich aus der geöffneten, zweiflügeligen Hausthür, welche nach der Straße führt, und in welche wir uns, wie es die Gießlerschen Familien auch oft gethan  hatten, so gesetzt hatten, daß für Aus- und Eingehende  gerade so viel Raum blieb, als ein Flügel beträgt, gewaltsam wegweisen wollte, wobei ich den oben angeführten Beschuldigungen und auch andere Kränkungen ruhig ertrug. Herr Gießler II hat sich später damit herausreden wollen, wie er z. B. Herrn Maurermeister Werner sen. erzählt hat, ich hätte nicht nur ihm, sondern sogar auch einigen seiner Gäste den Eintritt verwehrt.

Der dritte Fall betrifft nun meine Töchter, welche Herr Gießler II beschuldigte, sie hätten ein vor dem Schulhaus liegendes Papier in welchen sich menschlicher Unrath befand zum Dachfenster  herunter auf die Straße geworfen. Um diesen Fall recht eklatant zu machen, führte er viele  an die Stelle und machte sie darauf aufmerksam. Sein Dienstmädchen, welche in der Nähe besagter  Fenster schläft und auf welche aus mehreren Gründen der Verdacht der That fallen mußte, war froh, daß sie denselben auf Andere schieben konnte, und unterstützte seine Täuschung.

Am fünften Mai ist nun der letzte Fall eingetreten. Bei ihm handelt es sich leider wieder um Unrath, wahrscheinlich von meiner Katze, welcher im Hausflur gelegen hat und welchen meine Frau aus der Unterlage unseres Söhnchens geschüttelt haben soll.

Frau Gießler II hatte deshalb ihrem Dienstmädchen befohlen, ihn zusammen und auf den Stroh-Abwischer vor unserer Treppe zu kehren. Als ich um 10 Uhr aus der Schule kam, erzählte mir meine Frau diesen neuen Scandal, worauf ich erwiderte: Was das immer für Schweinsgeschichten sind!. Diese Worte hörte  Herr Gießler I, welcher gerade unten im Hausflur ging, und schrie wiederholt herauf: Sie sind ein Schweinevieh! Sie sch.... zum Fenster herunter! Sie sind ein Generalschwein! Ich lief wieder zur Treppe herunter und bemerkte beschwichtigend, er möge doch nicht einen solchen Scandal machen, es handelt sich ja nur um Katzendreck, worauf er wieder in die vorerwähnten  Schimpfwörter verfiel. Hierbei traten wir sehr nahe zueinander und im Nu hatten wir uns gefaßt. Beim ersten Griffe wurde ich mir lebendig bewußt, daß für uns große Gefahr im Verzuge war. Mein Streben war darum auch darauf gerichtet, loszukommen. Dies gelang mir aber  so schnell nicht, zumal da nun Herr Gießler II welcher schon  beim Schimpfen seines Bruders hinzugetreten war, mit einem dicken Knüppel auf mich loshieb, und mir die Verletzungen  beibrachte, die der Herr Doctor Groddeck bezeugen kann. Erst als meine Kinder laut aufschrien und meine Frau rief: „Sie schlagen ja meinen Mann tot!“ gelang es mir loszukommen, worauf ich mich schnell entfernte

Der ganze Auftritt hat ungefähr 15 Secunden gedauert, wird aber, wenn E. Hochlöbl.  Regierung ihn streng beurtheilen will,  schwer in seinen Folgen sein müssen.....

Hochderselben gehorsamster W. Hesse, Lehrer   Kösen, den 13ten Mai 1868

 

Anlage 2. Bericht des Lehrers Gießler I

Es war am 5. Mai vormittags 10 Uhr als ich nach den beendigten Unterrichte mich aus meiner Wohnung wieder in das Schulzimmer begeben wollte, um Privatunterricht zu ertheilen. Da erblickte  ich den Lehrer Hesse auf der Treppe stehend und wartend, mit wild rollenden Augen, dabei die ärgsten Schimpfreden ausstoßend, wie „Schweinepack“ und dergleichen. Auf meine Frage, wen er damit  meine? Antwortete er in heftigen Tone: „Mit Ihnen rede ich nicht!“. Darauf sagte ich: „Es ist ja aber, als wäre ein wildes Thier im Hause.“

In diesem Augenblick trat mein Bruder, der dritte Lehrer aus seiner Stube. Kaum hatte der Lehrer Hesse das gemerkt, als er auch zur Treppe herunter gestürzt kam. Mein Bruder sagte: „Wer hat sich unterstanden, mir den Unrath vor die Thüre zu werfen.“ Darauf  antwortete Hesse: „Was ist denn da weiter dabei.“ Zugleich gab er meinen Bruder unvermuthet eine Ohrfeige, so daß demselben die Pfeife aus dem Munde  fiel. Hierauf näherte ich  mich mit den Worten: „Sie wollen wohl gar schlagen.“ Da bekam auch ich einen Schlag mit der Faust vor die Stirne von dem Hesse.

Empört hierüber faßte ich denselben am Kopfe und drückte ihn gegen das Geländer an der Treppe, um ihn unschädlich zu machen und mich vor ferneren Schlägen  zu sichern. Dabei hatte mir mein Bruder beigestanden und wie ich bemerkte mit dem Pfeifenrohre ihm einige Hiebe versetzt. Aus diesem Zustande war ich von meiner herbei geeilten Frau hinweg in die Stube gezogen worden.

Dies die kurze wahrheitsgetreue Darstellung des Vorgangs. Zeuge desselben war nur das Dienstmädchen meines Bruders Melanie Heyer, welche auch bereits vor dem Königl. Landrath  Geh. Regierungsrath in dieser Angelegenheit  vernommen worden ist.

Noch kann ich aber nicht unterlassen hinzuzufügen, daß seit der Zeit der Lehrer Hesse in hiesiger Schule wohnt, mehr denn zehn derartige Auftritte, wenn ich auch weniger betheiligt war, stattgefunden haben, wovon gerichtliche Acten  Auskunft geben müssen. Beispielsweise erlaube ich mir nur einige Fälle  anzuführen:

1.) Im vorigen Jahr hat der Lehrer Hesse den hiesigen Polizeidiener Fürstenhaupt auf hiesigen Schulhofe  öffentlich durchgeprügelt. Die Thatsache war bereits vor den Staatsanwalt gekommen. Durch Vermittlung einflußreicher Personen hat der Hesse die Zurücknahme jener Anklage  dadurch erwirkt, daß er dem Fürstenhaupt gegen 50 Thaler Entschädigung zahlte. Genauere Auskunft hierüber geben die Acten des Kgl. Landrathsamtes zu Naumburg und schiedsrichterlicher Vergleich durch Herrn Rentier Reil hierselbst.

2.) Im vorigen Jahr drang der Lehrer Hesse mit Gewalt in meine Stube und drohte mit Schellen und Ohrfeigen. Auf meine ruhige Entgegnung, daß ich sie nicht so ohne weiteres hinnehmen würde, erwiderte er: „Nun da wollen wir erst sehen, ob Sie dazu kommen, ich stecke Ihnen schon solche, daß es Ihnen vergehen wird, denn ich bin stärker als Sie.“

3.) Es ist vorgekommen, daß der Lehrer Hesse sich in die Hausthür so gesetzt hat, daß jeglicher Durchgang versperrt war, um dadurch Reibung und Anfang zum Zanke zu haben. Ich bin aber ausgewichen und habe meinen Ausgang durch die hintere Thür genommen.

Aus diesen angeführten Thatsachen möchte hinlänglich zu ersehen sein, daß ich keinesweges der schuldige Theil sein kann, diesen betrübenden Exzess herbei geführt zu haben. Ich bin vielmehr durch die Umstände mit hinein gedrängt worden. Meine Betheiligung ist nichts weiter als eine Ab- und Nothwehr gewesen.

  1. Hochlöbl. Regierung gehorsamster Fr. Gießler 2. Lehrer Kösen, den 12. Mai 1868

 

Anlage 3: Bericht des Lehrers Gießler II

Auf die Aufforderung der Kgl. Regierung durch den Herrn Pastor Barthold erlaube ich mir, über die zwischen den hiesigen 3 Lehrern vorgekommene Prügelei Folgendes der Wahrheit gemäß zu berichten.

In der hiesigen Schule haben alle 3 Lehrer Amtswohnung, und zwar wird das Parterre von Gießler I und II und  der erste Stock von  dem Lehrer Hesse bewohnt. Frau Hesse hatte nun im Hausflur vor die Treppe einen Abtreter gelegt, auf welchen sich eine fremde Katze gesetzt hatte. Diesen Unrath hat die Familie Hesse zweimal  unmittelbar vor unsere Stubenthür geworfen, und zwar das erste Mal von dem Abtreter, das zweite Mal aus einem Winkel an der Seite der Treppe, wohin meine Frau den Schmutz vorläufig hatte kehren lassen.

Als der Lehrer Hesse am 5. d. M. aus der Schule kam, machte er  auf dem Flur einen gewaltigen Lärm und gebrauchte unter anderem die Ausdrücke „Schweinebande, Saubande“. Ich ging hinaus und  sagte ihm, daß ja nur seine Familie Schweinereien mache und früher gemacht habe, und  auf die Frage, wie seine Frau dazu käme, den Unrath vor unsere Thür zu werfen, sprang der Hesse die Treppe herunter und schlug mir ins Gesicht. Ich vertheidigte mich mit meiner Pfeife und schlug wieder. Mein in der Nähe befindlicher Bruder sprang sogleich hinzu, erhielt ebenfalls von dem Hesse einen Schlag und  schlug nun  ebenfalls. Unser Dienstmädchen, das bereits von dem Königl. Landrath vernommen, hatte gesehen, wie Hesse mich schlug und sofort dem im Schulhofe wohnenden Polizeidiener herbeigerufen, welcher den bedauerlichen Fall zur Anzeige gebracht hat. Ich begab mich sofort zu dem Herrn Pastor Barthold und setzte diesen von der Schlägerei in Kenntnis.

Noch muß ich bemerken, daß die Familie Hesse sehr oft Anlaß zu Reibungen auf jede Art und Weise gesucht hat, und nur unser Abscheu vor Zänkereien und daß wir Brüder, vorzüglich aber unsere Frauen, ertragen haben, was zu ertragen war, ist die Ursache, daß es erst jetzt zu einem so fatalen Ausfalle gekommen ist.

  1. Königl. Hochlöbl. Regierung unterthänigster L. Gießler II, 3. Lehrer Kösen den 13. Mai 1868

 

Da aus den eingereichten Protokollen und Stellungnahmen nicht eindeutig hervorging, wer denn nun der eigentliche Schuldige war, nahm die Königliche Regierung die Sache in die eigenen Hände und schickte eine ihrer Beamten selbst vor Ort.

 

Merseburg, 16. Juni 1868

An die Königliche Regierung, hier

Betrifft die Untersuchung wieder die Kösener Lehrer wegen des am 5ten d. M. verübten Excesses.

Der Königlichen Regierung  beehre ich mich, die Original-Untersuchung vom 14. d. M. mit den Anlagen unter der ganz gehorsamsten Anzeige zurückzureichen, daß ich behufs Erledigung derselben am gestrigen Tage mich nach Kösen begeben und daselbst die beifolgende Unterhandlung aufgenommen habe:

Verhandelt zu Kösen 15. Juni 1868

Infolge des von der Königl. Regierung erhaltenen Auftrags hatte der Unterzeichnete sich heute hierher begeben. Es wurde zunächst zur Vernehmung der beiden Lehrer Hesse und Gießler II geschritten. Dieselben erzählten den Hergang des am 5ten d. M. stattgefundenen Streits, wie folgt:

Der Lehrer Leopold Gießler II.

Der Streit und Zwiespalt mit der Familie des Lehrers Hesse rührt schon aus vorigen Jahre her, ich und meine Frau, wir haben stets zu vermeiden gesucht, mit derselben in Berührung zu kommen. Es ist deshalb bis zum letzten Vorfall nie zum Eklat gekommen. Die Veranlassung war folgende: Ein oder zwei Tage  vor dem 5ten Mai hatte eine fremde Katze ihren Unrath auf dem Abtreter vor der zum oberen Stockwerk führenden Treppe abgesetzt. Ich bin der Ueberzeugung, welche ich auf  einen bereits früher stattgehabten ähnlichen Vorfall stütze, daß die Frau oder die Kinder der Hesse, von dieser dazu veranlaßt, den Unrath von dem Abtreter vor unsere Thür geschafft haben. Als ich nach Beendigung der Vormittagsschule am 5ten d. M. in meine Wohnung getreten war, und eben mit einer jungen Dame, namens Kumbruch, welche  eine Rechnung abliefern wollte, verhandelte, hörte ich auf dem Flure unseres Hauses lautes Schimpfen. Zu meinen Ohren drangen zuerst die von dem Lehrer Hesse ausgestoßenen Worte „Schweinebande“ und „Saubande“. In Folge dessen trat ich sofort heraus und traf meinen Bruder und Hesse im Streite begriffen. Ich sagte zu dem Letzeren: „Wie kommen sie dazu, solche Ausdrücke zu gebrauchen, da doch Niemand anderes, als sie und ihrer Familien Schweinereien im Hause machen“. Als ich dies geäußert hatte, kam Hesse von der Treppe herunter gesprungen und gab mir eine Ohrfeige. Ich wehrte mich darauf kräftig, und habe dem Hesse mit dem Pfeifenrohre, welches ich in der Hand hatte, geschlagen. Dabei hat mir mein Bruder beigestanden. Zeugen der Prügelei sind unsere Frauen gewesen. Auch glaube ich, daß Fräulein Kumbruch Auskunft geben kann. Von sonstigen Augenzeugen weiß ich nichts.

Vorgelesen und genehmigt                 L. Gießler II 

 

Der Lehrer Friedrich Wilhelm Hesse

Es war am 5ten d. M. Morgens als meine Frau auf dem Abtreter der zu meiner Dienstwohnung führende Treppe viehische Exkremente fand. Da sie kurz vorher gehört hatte, daß die Frau des Lehrers Gießler II ihrem Dienstmädchen befahl, diesen Unrath dahin  zu kehren, beschwerte sie sich darüber bei mir, als ich nach Beendigung des Vormittagsschule in meine Wohnung getreten war. Ich äußerte darauf zu meiner Frau: „Was das immer  für eine Schweinerei ist“. Kaum hatte ich das gesagt, als ich eine Stimme von unten hörte: „Sie sind ein Schweinevieh“. Ich drehte mich oben auf der Treppe stehend herum und sah Gießler I unten stehen. Darauf stieg ich, während Gießler die Schimpfworte mehrmals wiederholte, herunter und sagte besänftigend zu demselben: „Machen sie doch nicht eine solchen Scandal, es ist doch nur ein Katzendreck“. Unter fortwährenden Schimpfen gab Geßler I hierauf antwortend mir die Schuld, daß dieser Katzendreck durch mich oder meine Frau auf den Abtreter gekommen ist. Während des Hin- und Herredens waren wir einander sehr nahe gekommen und hatten uns plötzlich gefaßt (wer zuerst den andern berührt hat, kann ich mich nicht erinnern). Es kam zu einer Schlägerei bei der sich auch der inzwischen aus seiner Wohnung  herausgetretene Gießler II betheiligte. Letzterer bediente sich dabei eines Knüppel, mit welchem er mir mehrere Wunden beigebracht  hat. Ich kann mich nicht genau erinnern, wie die Schlägerei geendet hat, da ich mir jedoch bewußt war, welchen schlimmen Ausgang die Sache nehmen könnte, so versuchte ich mich sofort aus der Affaire zu ziehen und stürzte, zuletzt durch  die Schläge halb besinnungslos, die Treppe hinauf. Zeugen des Vorgangs sind unsere Frauen gewesen, vielleicht auch der im Hofe beschäftigt gewesene Maurergeselle Wölffel und die Frau des Handelsmannes Opitz, welche letztere während des Scandals in die Hausthür getreten war. Der Polizeidiener Fürstenhaupt wird ebenfalls den Hergang des Streits bekunden können.       

Als soweit verhandelt worden war, wurden dem Lehrer Hesse die Dispositionen der Lehrer Gießler I und II und der Dienstmagd Melanie Heyer vorgelesen. Er äußerte in Bezug auf dieselben: Auch hiernach muß ich meine vorher zu Protocoll gebrachten Angaben lediglich aufrecht erhalten. Die Darstellung des Streits, welche meine beiden Collegen gemacht haben, ist durchweg falsch; mit Gießler II habe überhaupt kein Wort gewechselt und demselben nicht ins Gesicht geschlagen. Derselbe hat sich nur  thätlich in den Streit gemischt, welchen ich mit seinem Bruder hatte. Was die Aussage des Dienstmädchens anbelangt, so ist diesselbe schon immer gegen uns eingenommen gewesen und hat der  Wahrheit widrige (obszöne) Geschichten von meinen Kindern erzählt, gegen ihr Zeugnis muß ich daher dringend protestieren.

Die Sache ist hauptsächlich durch das Hinzutreten des Lehrers Gießler II so schlimm geworden. Hätte derselbe nicht so  ununterbrochen auf  mich losgeschlagen, so wäre ich von seinem Bruder bald wieder losgekommen und die Sache wäre  ohne Aufsehen  geblieben. Als ich die Treppe hinauf eilte, hörte ich Gießler II rufen: „der soll am längsten hier gehaust haben“

vorgelesen und  genehmigt: Friedrich Wilhelm Hesse

 

In dem Widerspruch in den Aussagen  der betheiligten Lehrer schien  es geboten,  die Frauen über den Sachverhalt zu hören. Dieselben äußerten sich wie folgt:

Die Frau des Lehrer Hesse.

Ich heiße Ottilie Hesse, geb. Schewe, 38 Jahre alt, evangelisch:

Zur Sache: Am Morgen des 5ten d. M. hatte ich auf dem unteren Flur unseres Hauses  Katzenunrath bemerkt. Ich hatte gehört, wie die Frau des jüngeren Gießler ihr Mädchen hieß, diesen Unrath  auf unseren Abtreter  zu schaffen, ich entfernte ihn  wieder von dort in eine Ecke des Flurs. Als ich jedoch bald darauf wieder herunter kam, befand sich der Unrath wieder auf unserem  Abtreter, es half mir nichts, ihn wieder wegzubringen, wenn ihn Frau Gießler wieder hinkehrt. Schließlich wurde ich der Sache überdrüssig und beschwerte mich bei meinem Manne, als  derselbe aus der Schule kam. Derselbe mußte darauf zu mir gesagt haben: „Was das immer für Schweinereien sind“, als Gießler I unten aus seiner Wohnung trat und herauf rief: „Sie Schweinevieh, Regimentsschwein, es scheißt ja am hellen Tage zum Fenster heraus“. Mein Mann sagte darauf: „Mit ihnen rede ich nicht. Seien sie doch ruhig!“ und als er nicht aufhörte zu schimpfen, ging mein Mann herunter, um ihn zu beruhigen. Als er unten war, hatte sie sich  plötzlich gefaßt und begannen zu ringen. Hierbei kam der junge  Gießler dazu  und schlug mit einem Knüppel  auf meinen Mann los, während dieser von dem älteren Gießler  niedergehalten wurde. Ich lief hinunter  und suchte die Raufenden zu trennen, dies gelang mir endlich. Zeugen des Vorfalls sind, soweit  ich weiß, nur ich und die Frauen der andern Lehrer gewesen. Schulkinder waren nicht zugegen.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben, Ottilie Hesse

 

Die Frau des Lehrers Gießler I

Ich heiße Henriette Gießler, geb. Dielitz, 30 Jahre alt, evangelisch.

Zur Sache: Ich weiß nur, daß die Ursache  des am 5ten d. M. zwischen meinen Mann und dessen Bruder einerseits und dem Lehrer Hesse andernseits  stattgehabten Streits wegen des im Flur des Hauses vorgefundenenen Katzenunraths gewesen ist. Welche  Schimpfworte und von wem ausgestoßen sind und wer zuerst geschlagen hat, darüber kann ich nichts bekunden. Ich trat erst in den Flur, als die Schlägerei schon im Gang war, um meinen Mann  zurückzuholen.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben:  Henriette Gießler

 

Die Frau des Lehrers Gießler II

Ich heiße Ida Gießler, geb. Hiecke, 32 Jahre alt, evangelisch,

Zur Sache: Die Ursache der am 5ten Mai zwischen meinem Mann und dessen Bruder einerseits und dem Lehrer und Lehrer Hesse anderseits stattgehabten Streit ist der von mir und meiner Schwägerin  vor meiner Thür bemerkte Katzenunrath gewesen. Wir haben denselben dort liegen lassen und sind der Ansicht, daß er dorthin von der Frau Hesse gebracht worden ist. Währendesssen ging Frau Hesse zu ihrem Mann und beschwerte sich darüber. Diese kam heraus und schimpfte über Schweinerei etc. während seine Frau den Dreck wieder gegen unsere Thür warf. Kurz danach kam Frl. Kumbruch zu mir und ich warnte sie noch, nicht in den Dreck zu treten. Später ließ ich denselben in den Hof schaffen. Frl. Kumbruch war noch bei uns, als großer Scandal  in unserem Flur entstand. Ich hörte nur die Worte des Lehrers Hesse „Schweinevolk“ und „Schweinebande“. Von meinem Schwager hörte ich kein Schimpfwort. Mein Mann ging darauf hinaus. Bei der Prügelei war ich nicht zugegen und bin erst, als das Mädchen erschrockene Rufe ausstieß, hinausgegangen und habe meinen Mann zurückgezogen. Auf die etwa zugegen gewesenen Zeugen habe ich nicht geachtet.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben   Ida Gießler

 

Fräulein Julie Kumbruch, hiernach vorgeladen

Ich heiße Julie Kumbruch, bin 21 Jahre alt, evangelisch  

Zur Sache: Als der Streit zwischen den Lehrern ausbrach, befand ich mich bei der Frau des jüngern Gießlers, um eine Rechnung zu bezahlen. Ich habe wohl lautes Zanken und Schimpfen gehört, aber nicht zu unterscheiden vermocht, wer den Streit begonnen, noch welche Worte ausgestoßen wurden. Ich habe während des Streits die Stube nicht verlassen.

Verlesen, genehmigt und unterschriebe         Julie Kumbruch

 

Frau Opitz

Ich heiße Amalie Opitz, geb. Hesselbart, 39 Jahre alt, evangelisch.

Ich bin auf den Streit zwischen den 3 Lehrern erst durch das Geschrei der Frauen aufmerksam  geworden. Ich verließ unseren Laden und ging in die Thür der Schule hinein. Der Streit war gerade zu Ende, indem die Frauen ihre Männer zurückzogen. Über die Veranlassung des Streits weiß ich nichts zu bekunden. Meine Aussage bin ich zu beschwören bereit.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben               Amalie Opitz

 

Das Dienstmädchen Melanie Heyer

Der p. Heyer wurden die Aussagen des Lehrers Hesse vorgelesen und dieselbe auf die  Widersprüche zwischen diesen und ihren eigenen dem Herrn Landrath zu Protocoll gegebenen Angaben aufmerksam gemacht. Sie erklärte hierauf.

Ich verbleibe dessen ungeachtet bei meiner Aussage vom 8ten d. M. und behaupte insbesondere auch heute noch, daß der Lehrer Hesse zu schimpfen angefangen, während der Lehrer Gießler  kein Schimpfwort  ausgestoßen hat. Ferner auch, daß der Hesse zuerst meinen Herrn mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat. Wie alles vorbei war, sagte mein Herr und der andere Herr Gießler „na die werden nicht mehr lange im Haus bleiben“. Meine Aussage bin ich bereit zu beschwören.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben               Melanie Heyer

 

Der Maurer Wölffel

Ich heiße Gottfried Wölffel, bin 70 Jahre alt, evangelisch.

Zur Sache: Ueber die Veranlassung und den Anfang des am 5ten d. M. stattgehabten Streit weiß ich nichts zu bekunden. Ich kam erst hinzu, als das Dienstmädchen um Hilfe rief. Als ich in den Flur trat, eilte Herr Lehrer Hesse schon die Treppe hinauf und der Streit war zu Ende. Schulkinder waren nicht zugegen, auch von den Marktweibern stand nur Frau Opitz in der Hausthür. Meine Aussage  bin ich zu beschwören bereit.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben   Wölffel

 

Die Königliche Regierung wolle daraus ersehen, wie durch Zugeständnis aller Parteien zunächst als thatsächlich festgestellt nur zu erachten sein dürfte, daß in Folge einer vorhergegangenen Reiberei  der Frauen nach Beendigung der Vormittagsschule am Dienstag, den 5ten d. M. ein mit grober Prügelei verbundener Streit stattgefunden hat, bei dem sich alle drei Lehrer activ betheiligt haben. Schauplatz der Handlung war der untere Flur des von den Familien der drei Lehrer bewohnten Hauses. Schulkinder scheinen nicht zugegen gewesen sein, wenigstens leugnen das die von mir vernommenen Zeugen. Dem widerspricht freilich das Zeugnis des von dem Kreis-Landrath verhörten Schöppen Werner, doch ist es wohl möglich, daß dieser auch nur die zahlreichen Kinder der drei Lehrer gesehen hat, die in der Folge des Lärms natürlich sämtliche herbeigelaufen waren.

In betreff der Hauptfrage, wer den Streit mit Wort und That begonnen hat, stehen sich die  Angaben  der streitenden Parteien diametral gegenüber. Während von Gießlerscher Seite behauptet wird, dass Hesse zuerst geschimpft und zuerst geschlagen, die beiden Gießler sich nur im Stande der Nothwehr befunden hätten, bestreitet Hesse überhaupt Schimpfworte gebraucht zu haben. Er habe  nur zu seiner  Frau gesagt. „Was das wieder für eine  Schweinerei ist“. Er sei dann in Verfolg der von dem älteren Gießler angefangenen  Wortstreites mit diesem handgemein geworden, wisse aber nicht, wer den andern zuerst berührt habe. Entschieden stellt er in Abrede, den jüngeren Gießler geschlagen zu haben, diesen gegenüber sei er lediglich der passive Theil gewesen. Seine Aussage  wird von der Frau  Hesse in allen  Theilen bestätigt.

Bei einem derartig unvermittelten Widerspruch der beiderseitigen Auffassungen des Streites erschien es geboten, die sämtlichen Zeugen des Auftritts zu vernehmen. Der Schöppe Werner  und der Polizeidiener Fürstenhaupt haben ihre Aussagen bereits dem Kreis-Landrath zu Protocoll gegeben, sie behaupten, auch jetzt nicht angeben zu können.

Die Zeugin Julie Kumbruch befand sich in dem an den Flur stoßenden Zimmer, hat dasselbe während des Streits nicht verlassen und will außer einem wüsten Lärm bestimmte Aeußerungen  nichts vernommen haben.

Die Marktfrau Opitz und der Maurer Wölffel sind erst durch das Geschrei der Fauen und  den Hilferuf des Dienstmädchens  veranlaßt worden, den Flur zu betreten, über die  Veranlassung und  den Anfang des Streits können sie  ebensowenig  bekunden, wie Werner und Fürstenhaupt. Hierüber ist nun das einzige Zeugnis der Dienstmagd Melanie Heyer vorhanden, welche  dem Streite von Anfang bis zu Ende beigewohnt hat.

Der Unterzeichnete hat sich veranlaßt gesehen, diese Zeugin noch einmal vorzuladen und sie auf die Widersprüche, welche zwischen ihren Angaben und denen des  Lehrer Hesse und seiner Frau  obwalteten, aufmerksam zu machen. Nachdem sie hierauf  eindringlich  zur Wahrheit ermahnt und darauf hingewiesen worden war, daß sie bereit sein müßte, ihre  Aussage  zu beeiden, wiederholte sie lediglich  die Erzählung, wie sie bereits in der Verhandlung vom 8ten d. M. registriert ist. 

Ob aber auf dies Zeugnis ein solches Gewicht zu legen sein wird, daß auf Grund desselben den Hesse allein für schuldig zu erachten, die beiden Gießler aber exculpiert wären, dagegen möchte ich doch aus der großen Jugend und dem Dienstverhältnis der Zeugin Bedenken erheben.

Thatsächliche Momente, welche mich berechtigen, dem einen oder anderen Theile größere Glaubwürdigkeit beizumessen, sind mir nicht bekannt  geworden. Subjektive Eindrücke, welche leicht täuschen, möchte ich aber der schwerwiegenden Verantwortung wegen nicht zur Geltung bringen......

Freiher von Wertheim, Regierungs-Assessor

 

Die Königl. Regierung beließ es bei einer strengen Ermahnung der Lehrer, womit sich wohl weder die Schulverhältnisse noch das Verhältnis der Lehrer untereinander verbesserten.

Drei Monate später wurde der Gemeinde das Stadtrecht verliehen und ein Bürgermeister eingestellt. In seiner zum Amtsantritt veröffentlichte Denkschrift erklärt Dr. Mascher mit Blick auf das örtliche Schulwesen:

Da mit dem Wohlstande aller sozialen Schichten Kösens der Bildungstrieb und das Bildungsbedürfniß gleichen Schritt gehalten, so kann es nicht fehlen, daß auch dessen Bildungsmittel zugenommen haben. An die Stelle einer regulationsmäßigen, einklassigen Landschule, ist längst eine dreiklassige  Volksschule getreten, an welche eine höhere (Privat-) Töchterschule und eine höhere (Privat-) Knabenschule  sich anschließen. Letztere  bereitet ihre Zöglinge für die Tertia eines Gymnasiums vor ….“

Demnach war alles in bester Ordnung, ratsam sei es aber, dass sich die  Volksschule einem Institut anschließen sollte „welches  allen Bürgern gestattet, ohne für  Einzelne unerschwingliche Opfer, ihren Kindern den bestmöglichen Unterricht geben zu lassen.“

 

 

Januar 2017                T. Budde

Quelle  LHASA C 48 II b, Nr. 2028 I