Das Schulwesen in Alt- und Neu-Kösen im 18. Jahrhundert.

Im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt befinden sich einige interessante Dokumente, die Auskunft über die Einwohnerschaft und die Schulverhältnisse im 18. Jahrhundert geben.

Aus einer "Specifikation deren ietzo zu Kösen wohnhaft seienden Personen, exclusive derer Fremden“  die der Floßmeister Georg Hartig am 29. September 1731 dem Schulamt zugefertigt hatte, geht hervor, dass Alt-Kösen zu diesem Zeitpunkt aus der Floßschreiberei (Naumburger Str. 1), dem Schulengasthof, der Pachtschäferei, einer Schmiede, dem Anwesen des Advokaten Friedrich List (Naumburger Str. 2-4), der Pachtmühle und dem Floßamtshaus bestand.  Neu-Kösen war die Siedlung, die seit 1706  am Lengefelder Fahrweg erbaut wurde. Hier wohnten 28 Familien. Ingesamt zählte die Einwohnerschaft 233 Köpfe. Hartig merkte außerdem an, dass weitere Parzellen bebaut würden. Das waren Bauplätze auf einem unwirtlichen, mit Geröll übersäten Streifen am Fuß des Nicolausberges zwischen der Brücke und dem Lengefelder Fahrweg. Die Siedlung wurde als "Sieben Häuser" bezeichnet (Lindenstraße 14, 16, 18, 20, 21, 22, 24). Diese Parzellen waren etwas großzügiger bemessen als die bisherigen Bauplätze am Lengefelder Fahrweg, umgerechnet ca. 17 x 34 Meter und boten noch etwas Raum für ein „Kraut- und Rübengärtlein“. Doch anstelle von Arbeitern, die dauerhaft in der neuen Saline gebraucht würden, so waren es wie bereits in bei der Besiedlung des Lengefelder Fahrwegs in erster Linie Handwerker, die wegen der verkehrsgünstigen Lage des Dorfes an der Heerstraße auf guten Verdienst hofften. Zu den ersten Erbpächtern der "Sieben Häuser" gehörten der Sattlermeister Johann Christian Mathesius (Lindenstr. 18), der Strumpfwirker und erste Ortsrichter Peter Nicolai (Lindenstr. 16) und der Bäcker Christoph Hollstein (Lindenstr. 14). 1737 erwarb der Bäcker Salomon Hämmerling sen. einen  Bauplatz (Lindenstr. 20) und erst später übernahm er oder sein gleichnamiger Sohn die Hollstein`sche Bäckerei.

Nach Hinsche (Heimatbuch 1930) mussten die Kinder der in Alt-Kösen wohnenden Familien zur Schule nach Flemmingen. Aus Hartigs Aufstellung geht dann aber hervor, dass es im Jahr 1731 bereits einen Kinderlehrer im Dorf Neu-Kösen gab. Das war David Euerling, der mit Weib und Sohn in der Nr. 25 wohnte und hier wie allgemein üblich auch die Kinder unterrichtete. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich hier um die Borlachstraße 16, demzufolge das erste „Schulhaus“  in Neu-Kösen. Die Schulaufsicht oblag dem geistlichen Inspektor der Landesschule, der er wegen der Entfernung nur sehr oberflächlich nachkam. Den Unterhalt für den Lehrer hatten die Eltern aufzubringen, was sich die meist recht armen Familien kaum leisten konnten. Hartig erklärte daher, dass von den 33 Kindern „…so zur Schule zuhalten, davon aber bis dato über 6 Kinder nicht dahin geschickt worden sind, sondern in freyen Muthwillen und ärgerlichen Leben gelassen und erzogen werden“.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Euerling 1732 Neu-Kösen verließ. Sein Nachfolger hieß Peter Macheroch. Der war aber noch schlechter dran. Während Euerling noch ein eigenes "Häusgen" hatte, wo der Unterricht stattfand, wohnte Macheroch zur Miete und unterrichtete in Ermangelung einer Klasse die Kinder in seiner Stube und war da er keinen eigenen Haushalt führte auf die Reihenspeisung bei den Eltern  angewiesen. Daher wandte er sich hilfesuchend an den geistlichen Inpsektor. In seiner „Specification derjenigen Kinder in Kösen, wieviel Wochen jedes vom 12. Juli 1734 bis den 9. Juli 1735.… nacheinander sein in die Schule gegangen“ wurden alle 44 schulpflichtige Kinder und deren Teilnahme am Unterricht aufgelistet. Demnach nahmen die nur sehr unregelmäßig am Unterricht teil, was sich nun unmittelbar auf das Einkommen des Lehrers auswirkte. Denn die Eltern bezahlten, wenn überhaupt, nur die Tage, an denen die Kinder die Schule besuchten und das auch erst nach mehrfacher Aufforderung und diejenigen die fortzogen, blieben das Schulgeld ohnehin schuldig. Den Lehrer plagten daher erhebliche Existenznöte und erklärte voll Bitterkeit:

„Dieses Quartal von Petri Pauli biß Michael 1735 haben kaum 12 bis 15 Kinder,…., von welchen ich nur die Woche 3 Stunden bekomme… und beläuft sich das Schulgeld nicht höher als etwan 5 oder 6 Groschen zur Besoldung und Alimentation, …. Auch kann kein Lehrmeister dabei subsistiren und muß die Schule wieder zu Grunde gehen, wo ferne kein hohes Einsehen geschieht und die halsstarrigen dazu angehalten werden.“

Das Schreiben veranlasste wohl das Schulamt, den Ortsrichter und die Gemeinde auf ihre Pflichten bezüglich der „Alimentation“ des Schulmeisters hinzuweisen. Das löste nun eine heftige Gegenreaktion aus, was dem Kinderlehrer natürlich nicht verborgen blieb. In einem „Unterthänigstes Memorial“ gerichtet an den „Herrn Magnificenz, Hoch- und Ehrwürden in Gott andächtigen und Hochgelehrten Herr Doctor und Inspector wie auch Hochzuehrenden Herrn Beichtvater“ wehrte er sich gegen die erhobenen Anschuldigungen.

  1. „Daß mich einige in Kösen beschuldigt, als wann ich den Brannt-Wein sehr liebe, bestehet zwar nicht in Wahrheit, iedoch leugne auch nicht, daß ich welchen, aber nicht zum Überfluß trinke. Ursach, weilen ich die ganze Woche nichts warmes zu essen habe, sondern mit Waßer, Brot, Saltz oder ein wenig Käse mich behelfen muß, und zwar deshalben, weilen die Besoldung schwach, dann dass Schulgeld dieses Jahr sich nicht höher als auf 22 Taler 8 Groschen belauffen hat, wie mein Schulregister ausweißet…., denn etliche davon gezogen, etliche auch wenn die Kinder nicht die völlige Wochen in die Schulen gegangen, nichts gegeben ….wenn ich nun diese 22 Taler jährlichen Solarium von Wäscher-Lohn abziehe bleiben 20 Taler zu meiner jährlichen Verpflegung, dieselben in 365 Tage eingetheilt, so habe täglich nicht wohl 8 Pfennige zu verzehren, welches, wie schon gemeldet in trockenen Brote aufgehen.
  2. Daß welche vorgegeben, als wenn die Kinder in ihrer Information nichts lerneten, ist die Schuld nicht meine, sondern ihre selbst, denn sie ja, mit Grunde der Wahrheit nicht sagen können, daß ich das gantze Jahr mit keiner Stunde meine Information versäumt, sondern mit Gebeth und väterlicher Vermahnung angehalten, daß sie in Bethen, Lesen, Schreiben, Rechnen, auch Erlernung des Catechismus möchten Fleiß anwenden und sich unterweißen laßen… Es sollten aber solche Eltern in ihren Gewissen bedeuten, daß sie an solchen Kindern, die nichts erlerneten…. die meiste Schuld hätten, indem sie dieselben nicht fleißig und wie sichs gehört, zur Schule schicken, sondern manche Wochen nur 1,2,3 Tage hineinkommen, hernach wohl 2,3,4,8,10,12 Wochen zu Hauße bleiben, auch wenn sie etwan in die Schule kommen, nicht zur rechten Zeit, sondern wenn die Schule schon 1 oder 1½ Stunden gewährt, erstlich gegangen kommen, und wenn man sie dann mit Worten oder mit der Ruthen anhalten will, die Eltern selber mit den Kindern in die Schule kommen, und sich rechtfertigen, oder den Schul-Lehrer auf der Gassen anschreien und sagen: Wenn ihr Kind geschlagen würde in der Schule, so schickten sie selbiges nicht wieder in die Schule sondern in die Pforta, behalten sie auch aus Trotz zu Hause und schickten sie weder hierher noch in die Pforta, wie mir denn dieses Jahr zum öfteren wiederfahren, wonach denn abzunehmen, daß die Kinder in ihrer Bosheit verstärket, alles treuherzige Vermahnen, Fleiß und Mühe umsonst und fruchtlos ausschlagen muß.
  3. Was die Disziplin anbelangt, so wäre zu wünschen, daß die Eltern, wiewohl zwar nicht alle gemeinet, dennoch viele fromme Christen sich darunter befinden, selber eine bessere Disziplin und Kinder-Zucht bei den ihrigen hielten und von aller weltlichen Lust ab- und zum Gebeth, Gottes-Furcht und christlichen Tugenden mit anhielten, so würde keine solche rohe Jugend seyn, auch mit der Schule sich besser ziehen und unterweisen laßen.
  4. Wenn ich der lustigen Compagnie ergeben und mit Singen, Tantzen, Springen, Geygen, Pfeiffen, Säuffen und Spielen dieselbe vermehren hülffe, so wäre ich der Beste und würde wohl Niemand keine Klage führen, denn einen solchen sie gern haben wollen.“

Zum Schluss meinte Macheroch, dass sich die armen Familien auch keinen anderen Lehrer und schon gar keinen aus der Pforte leisten könnten und bat den geistlichen Inspektor „höchst wehmütig und ergebenst“ ihn „in Dero hohen Schutz zu nehmen, auch mein hoher Patron zu verbleiben“ und im Fall „ daß ich allhier bleiben könnte (.) mir zu einen kleinen geringen Örtchen, daß ich mein Stück Brodt bis an mein Ende haben kann, zu verhelffen.“

Macherochs Bitte verhallten ungehört, zumal die Anstellung eines Kinderlehrers und dessen Bezahlung nun mal in den Zuständigkeitsbereich der Gemeinde fielen, der Inspektor den Kandidaten für die Stelle nur bestätigte und sich im übrigen bei Differenzen zwischen Lehrer und Gemeinde heraus hielt.

Bevor Macheroch ganz verhungerte, verließ er Kösen. Ein Jahr später hatte die Gemeinde einen neuen Kinderlehrer, Johann Ernst Hucke sen. An den äußeren Verhältnisse dürfte sich nur wenig geändert haben, aber die sprunghaft angestiegene Einwohnerzahl war wohl doch recht verlockend, hier als Kinderlehrer ein Auskommen zu finden. In einer von Hucke selbst angefertigten Aufstellung geht hervor, dass hier inzwischen 39 private Hauswirte, fünf Pächter und 40 „Hausgenossen“ ansässig waren. Die Gesamtzahl der Einwohner betrug 361, hatte sich demzufolge innerhalb von 7 Jahren um ein Drittel erhöht. Darunter waren 122 Kinder, von denen ca. 60 im schulfähigen Alter waren. Hucke erwarb den letzten noch freien Bauplatz bei den "Sieben Häusern". Das geht aus  einer Aufstellung hervor, die J. G. Borlach persönlich im Jahr 1743 verfasste. Nach dem Erbpachtbuch des Schulamtes aus dem Jahr 1752 trug es die laufende Nummer 16 was der Lindenstraße 24 entspricht. Da der Schulunterricht im eigenen Haus stattfand, entfiel zwar das leidige „Quartiergeld“ für die Eltern. Dennoch änderte sich nichts an der schlechten Zahlungsmoral der Einwohnerschaft. Das bekam auch Huckes Sohn zu spüren, der 1765 die Stelle als Kinderlehrer von seinem Vater übernahm. Im August 1772 erklärte der Steuerprokurator J. Chr. G. Hübsch dass der Abgang des Kinderlehrers bevorsteht, weil die Gemeinde eine Aufbesserung seines dürftigen Unterhalts abgelehnt hatte und nichts gegen diejenigen Eltern unternahm, die nach wie vor ihre Kinder nicht zur Schule schickten und sich so das Schulgeld und die „Reihenspeisung“ ersparten.

Hucke jun. der inzwischen als Präzeptor in Pfuhlsborn bei Apolda untergekommen war, erklärte auf Nachfrage, dass er bislang jährlich nicht mehr als 30 Taler an Schulgeld eingenommen habe, von denen er seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte. Als Lösung schlug der Prokurator Hübsch der Gemeinde vor, dass jeder Hauswirt auch diejenigen, die keine Kinder zur Schule schickten, im Vierteljahr 15 Pfennige  zum Unterhalt des Lehrers dazu geben sollten, damit das Schulgeld nicht erhöht werden muss und dem Lehrer ein sicheres Auskommen gewährt werden kann, was naturgemäß auf das Unverständnis der Betroffenen stieß.

Ein weiterer  Streit entspann sich um die Person des neuen Kinderlehrers. Der geistliche Inspektor hatte dem Naumburger Theologiestudenten Georg Raue eine verbindliche Zusage gemacht, wohingegen sich die Kösener Gemeinde für Adolf Heinrich Näbe (Nebbe) den Präzeptor aus Wilsdorf entschieden hatte. Nun ging ein tiefer Riss durch das Dorf. Die 53 bei der Saline beschäftigten Familienväter erklärten sich für den Kandidaten Raue, während sich für Näbe der gerade erst zum Ortsrichter ernannte J. Chr. Böhme, der Schöppe P. Hanisch und der Holzhändler J. Fr. Seidler im Namen der übrigen 52 Hausbesitzer und Hausgenossen stark machten. Legt man diese Zahlen zugrunde, dürfte sich die Einwohnerschaft inzwischen auf rund 400 belaufen haben, darunter ca. 70 bis 80 schulpflichtige Kinder.

In dem darauf folgenden Schriftwechsel wurde an den bisherigen Kinderlehrern auch kein gutes Haar gelassen. So heißt es: „Daß der seit 1736 bis 1765 allhier gestandene Kinderlehrer Johann Hucke sen. von dessen Lehre eben die ietzigen eingeborenen Kösener, als von ihm gelehrte Männer herrühren, weder die Katechismen verstanden noch eine Zeile Deutsch richtig zu schreiben gewußt. Aus dieser unverantwortlichen Unwissenheit der bisherigen unnützen Kinderlehrer zu Kösen, welche vielleicht einen besseren Beruf und Fähigkeiten als Drescher gehabt haben werden, stammt nun auch zugleich die hiesigen Orts gar sehr in Schwange gehende Verachtung des göttlichen Worts, Schändung der Gott gewidmeten Tage, Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit und alle andern herrührenden Sünden und Vergehungen, und man kann kühnlich behaupten, daß der Ort Kösen, so volkreich solcher auch sein mag, hierinnen seinesgleichen kaum haben dürfte.“

Der Streit kam schließlich vor Gericht, was natürlich dauerte und den Schulkindern zwei Jahre Ferien bescherte. 1774 einigten sich dann beide Seiten auf Friedrich Hesse als Kinderlehrer. Damit er zu einem angemessenen Einkommen kam, wurden ihm einige Nebeneinnahmen gestattet, wie das Tauf-, Hochzeits- und Leichenbitten sowie das Neujahrssingen. Außerdem durfte er Privatunterricht erteilen und wurde als Armenkasseneinnehmer vereidigt. Durch dieses Amt kam er mit allen Familien in Kontakt, denn die bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen üblichen Spenden durften in Ermangelung eines eigenen Gotteshauses bei den betreffenden Familien direkt eingesammelt werden. Außerdem durfte er die bei Grundstücksverkäufen, Testamenten, Tauschgeschäften und Schenkungen festgesetzten Beträge zur Armenkasse einnehmen und zur Unterstützung mittelloser Gemeindemitglieder wieder verausgaben. Um den Eifer beim Einsammeln zu befördern, verblieb ihm ein geringer Prozentsatz zur Abgeltung seines Aufwandes. Außerdem erhielt er freies Quartier „solange bis allhiesige Bewohner durch guttätige Herzen in den Stand gesetzt wurden, eine besondere Schulwohnung erbauen zu können“, denn Hucke hatte bei seinem Weggang das väterliche Anwesen verkauft und Heße war genötigt, sich als Hausgenosse einzumieten.

Noch im gleichen Jahr   erfolgte eine Schulvisitation durch den geistlichen Inspektor. In Anbetracht der völlig unzureichenden räumlichen Voraussetzungen für den Unterricht, wurde der Gemeinde einen Bauplatz am hinteren Teil des Lengefelder Fahrweges (Borlachstraße 37) für ein Schulgebäude samt Lehrerwohnung vom Schulamt zugewiesen. Doch erst 1788 konnte sich die Gemeinde auf die Bereitstellung der Mittel, für das vom Salinenbaumeister Schröter entworfene Schulhaus einigen. Demzufolge sollte jeder Hausbesitzer 4 Taler und jeder „Hausgenossen“ 2 Taler, dazu geben, gleich ob Kinder da waren oder nicht.  1789 wurde das vom Maurermeister Werner, dem Schwager des Salinenbaumeisters, erbaute Schulhaus eingeweiht. Natürlich war der Bau teurer geworden als geplant. Gegen die Nachveranlagung setzten sich die ärmeren Einwohner heftig zur Wehr.

Dennoch kann man auch hier noch nicht von einem regulären Schulbetrieb sprechen. Das sollte sich erst ändern, als der Fiskus den Schulbetrieb neu ordnete und staatlich besoldeten Lehrern unterrichteten.

Quellen LHASA D 34 Anh. 1/4123, LHASA D 34 Anh. 2/2642, 1844, 2669, 2504, 2921, 2893, Naumburger Kreiszeitung, Kösener Allg. Zeitung 1899, 1902, 1904, 1905, 1941, Hinsche: Einige Nachrichten über die Schulverhältnisse Kösens, Heimatbuch 1930

T. Budde

2015