Dr. Johann Christian Lehmann und die Verbesserung der Salzsiedekunst

Einer der Wissenschaftler, die sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit der Verbesserung der Salinen beschäftigten und deren Besitzern, vornehmlich den jeweiligen Landesherren ihre Dienste anboten und ihnen die Erhöhung der Einkünfte aus den Salinen in Aussicht stellten, war der Physiko & Medico Dr.  J. Chr. Lehmann.

Lehmann, am 16. Juni in Bautzen geboren, studierte an der Leipziger Universität  Medizin und Naturwissenschaften, promovierte hier und erhielt eine Professur für Physik und Medizin, zeitweise war er sogar Rektor. 1712 wurde er Mitglied der Sektion Physik der Leopoldina zu Halle und 1713 als Ausländer Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften.

Lehmann entwickelte Methoden und Vorrichtungen mit denen die herkömmliche Gradierung und Versiedung verbessert, der Brennstoffverbrauch reduziert und somit die Kosten verringert, die Menge und damit der Gewinn werden sollten.

Allerdings musste er nur noch einen Landesherren gewinnen, dass ihm dafür entweder ein  Salzwerk überlassen oder ihm gleich der Aufbau eines neuen Werkes gestattet wird.

Zunächst wandte er sich an seinen Landesherren Friedrich August der Starke, König in Polen und Kurfürst zu Sachsen. Dessen Interesse war sofort geweckt. Das ist insofern erstaunlich, da zur gleichen Zeit die „Cösener Sozietät“, die 1714 zahlreiche Privilegien für die Erhebung von  Solequellen in Arten und Kösen erhalten hatte, nach nur zwei Jahren eingegangen war. Doch Lehmanns Vorstellungen und seine Reputation als Universitätsprofessor überzeugten die Dresdner Kammer und so erhielt er am 15. Oktober 1717 die „Verleihungsurkunde“, mit dem ihm  die Ausbeutung aller Salzquellen in Kursachsen gestattet wurde, vornehmlich in Altensaltz im Vogtland bei Plauen, sowie aller noch zu erschließender Salzquellen.

Dann wandte sich Lehmann an den preußischen König Friedrich Wilhelm I. und bot sich an, die Saline in Schönebeck zu verbessern.

Dritter im Bunde war der Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha, dem die Salinen Ober- und Unter-Neu-Sulza gehörten und der den Lehmannschen Plänen äußerst aufgeschlossen gegenüber stand. Darüber gibt es einen umfangreicher Briefwechsel und mehrere  Veröffentlichungen, der hier in Auszügen wiedergegeben werden soll.

Am 23. Oktober 1717 schrieb Lehmann dem Herzog:

Ew. Durchl.  haben verflossenen May mir befehlen lassen, daß wegen der gethanen unterthänigsten Offerten Neu-Sultza  und andere in E. Durchl. Landen befindenden, bereits erhobene und von mir nechst Göttl. Hülffe annoch zu erhebenden wichtigen Saltz-Wercken, mich wegen anderer E. Durchl. wichtiger Affaires, biß auf eine andere Zeit persönlich meine Auffwartung zu machen gedulden solle.

Ob nun gleich Neu-Sultza E. Durchl. privatim zu bauen concediret, die durch Suchung besserer Sohle E. Durchl. Bestes zu befördern sich angelegen seyn lassen.

Meine Intentiones iedennoch general sind, allen Wercke E. Durchl. Landen, die auch so schlechte Sohle als zu Neu-Sultza haben, zu helfen, wie denn vergangenen Sommer über in denen Pohln. Saltz-Gruben Wieliska und Bochnien meine wenige Wissenschaft und Erfahrung ferner zu excoliren genugsame Gelegenheit  gefunden, wodurch sowohl Neu-Sultza zum Besten E. Durchl. hohen Zehndten und deren Gewercken Interesse ohne ihre geringste Hinderniß und Nachtheil, als auch anderer Saltz-Wercke  welche E. Durchl. selbst bauen, alle mehr um die Helffte veredelt und preteuxer werden sollen. Geschweige, daß dadurch noch mehrere in E. Durchl. Landen erhoben und mit Ausbeute gebauet werden mögen.

So habe mich nochmahls unterthänigst melden sollen, zumahlen da der Winter heran naht, und alle die in E. Durchl. Landen befindlichen Saltz-Wercke feyern und kalt liegen müssen, in dem die bißhero bekannte Gradirung zu Zeit des Frostes keineswegs practicable gewesen, da denen Saltz-Wercken keine zu Sieden würdige Sohle hat geliefert werden mögen. So erbiethe ich mich in aller Unterthänigkeit, dennoch diesen Winter über, da niemand gehindert wird, E. Durchl. die reale und würckliche Probe zu erweisen, das Jahr aus und ein mit Nutzen gesotten werden möge, wodurch dann anhero:

1.) Die Sohle so sonst wegfließet, und ein Drittel des Jahres wenigstens beträget, zu gute gemachet und eine größere Quantität Saltz gefertiget.

2.) Die Brunnen keinesweges aufgehen und verringern

3.) wenigstens ein drittes Theil Holtz, so in Feuer bißhero aufgegangen und keiner Seele zu gute gekommen, ersparet,

4.) die Arbeiter beständig ihr ordentlich Lohn das ganze Jahr über genießen und also mehrere Nahrung haben,

5.) E. Durchl. Zehndtes und andere Intraden so wohl als dero Unterthanen bestes erhöhet und befördert.

6.) Alle Wercke selbst und deren Preiß mehr als den dritten Theil in ihrer Würde und Valeur steigen und gebessert,

7.) geschweige daß der ordinaire Schließ und Kosten um ein ansehnliches gemindert,

8.) auch noch viele andere in E. Durchl. Landen befindliche Quellen folglich mit Nutzen erhoben und gebauet werden können,

da nun also E. Durchl. ohne große und kaum 300 Rthl. sich belauffenden Kosten E. Durchl. und dero Unterthanen wenigstens ein Drittel mehr Nutzen als bißhero gehabt (will aus Modestie nicht von der Helffte und drüber sprechen) auch bei einlöthiger und armer Sohle einbringen werde.

So bitte mir auf Erben und Erbnehmen den dritten Theil von meinen Einbringen zu meiner Begnadigung unterthänigst aus welches gestalten Sachen nach ein Neundtel von den gefertigten Saltze betragen würden, zumahl da ohnedem Bergmännisch ist, nur Wasser nimmt, der geniesset davor das Stollen-Recht, welches alles Ihro Königl. Maj. in Pohlen und Churf. in Sachsen durch ein allergnädigstes Privilegum in Dero und incorporirten Länder mir ebenmäßig gewilliget, im Saltzburgischen auch schon lange und undencklichen Jahren, die Herren Barones von Guttrath genossen, die Sache und das praemium auch nicht wider die Billigkeit läuffet, zudem ich über diesen von solchen ausgebeuteten ein Neundtel E. Durchl. wiederum das Zehndte abzugeben mich erbiethe, versehe mich im unterthänigste Submission allergnädigster Deferirung und verharre zeitlebens E. Durchl. allerunterthänigster gehorsamster D. Johann  Christian Lehmann

De dato , Leipzig den 23. October 1717

 

Die Saline war bislang ein Sorgenkind gewesen. Nach dem Tod des Herzogs Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1672 war durch Erbteilung die Stadt Sulza an den Herzog Johann Ernst von Sachsen-Weimar gefallen, während das Salzwerk bei Sachsen Gotha und Altenburg verblieb. Wegen der sehr armen Sole und der oft versiegenden Brunnen verließ um 1680 der Salzschreiber Jakob Abraham Christner die herzogliche Saline und wandte sich nach Kursachsen, wo er 1683 mit der, allerdings erfolglosen, Abteufung eines Solschachtes im Kösen begann. Die in Sulza bereits eingeführten Strohgradierwerken verbesserte die Produktion, dennoch blieb die Coctur ein Zuschussgeschäft für die herzogliche Rentkammer. 1700 pachtete der Berghauptmann Georg Christian von Uetterodt das Werk, erreichte aber auch keine wesentlichen Verbesserungen. Nachdem er die Straßberger Grube übernommen hatte, kündigte er den Pachtvertrag in Sulza und seit 1704 arbeitete die Coctur mehr recht als schlecht wieder auf fürstliche Rechnung.

Am 3. September 1717 wurde die Saline erneut verpachtet. Diesmal war es eine Gewerkschaft, zu der der Kommissionsrat Gottfried Reyher aus Roßla, der Floßmeister Christoph Gottfried Wenzel aus Kösen und der Vize-Floßmeister G. Hartig ebenfalls aus Kösen, gehörten. Da die Gewerkschaft alle Kosten des Werkes auf sich nahm, begnügte sich die herzogliche Kammer als Pacht mit dem 8. und 16. Teil der Salzproduktion sowie dem  üblichen Salzzehnt sowie einer Kaution von 6000 Gulden, die nach Endigung der Pacht ausbezahlt werden konnte, wenn das Werk nicht während der Pacht Schaden genommen hatte.

Das zur gleichen Zeit Lehmann sich anbot, durch eine Erhöhung der Produktion den Salzzehnt und die übrigen Einkünfte zu verbessern, zumal auch weniger Salz aus dem Ausland eingeführt werden müsste, war verlockend und so ordnete der Herzog an:

 

„Demnach der Professor Publicus zu Leipzig Doctor Johann Christian Lehmann wegen Verbesserung des Neu-Sultzaer Saltz-Werckes verschiedene austrägliche und anständige Vorschläge eingeschickt, von welchen, wenn sie in der großen Probe bestehen, zu hoffen, daß sowohl unsre Fürstliche Regale und unsern 8ten und 16ten Theil auch der Pfännerschaft Revenuen zu erhöhen und zu verbessern seyn möchten, Als wird den Commissarius Hochen hiermit anbefohlen, sich zuförderst mit der Pfännerschaft über die eingereichten Vorschläge zu vernehmen und nachmahlen bey obgedachten D. Lehmann, ob er dieselbe 3 Monate nacheinander durch die große und alle andere Proben in effect zu praestiren sich getraue anzufragen und die Nothdurft nach der ihm ertheilten Instruction biß auf Unsere Ratification  zu bereden, auch von allen so dabey vorgehet, nach der Zurückkunfft seine unterthänige Relation zu erstatten.

Datum Friedensstein, 7. Januarii 1718                     Friedrich Hertzog zu Sachsen pp. 

 

Lehmann sollte also zunächst eine dreimonatige Probe ablegen.  Am 13. Januar 1718 meldete der Kommissar Johann Georg Hoch

„..ist sowohl wegen der bey Ihro Hochf. Durchl. zu Sachsen, als nachmahlen bey der Pfännerschaft zu Sultza von Herr Doctor und Professor Lehmann zu Leipzig übergebenen Puncten und Vorschlägen die Verbesserung des Saltz-Wercks betreffend, folgende Verabredung gepflogen und gedachten Hr. D. Erklährung nachfolgender Gestalt eingeholet worden...“

 

Der erklärte sich bereit, die zu seiner Probe benötigten Herde, Pfannen samt Zubehör auf eigene Rechnung anzuschaffen und diese bei erfolgreicher Probe der Pfännerschaft für „billiges Geld“ zu verkaufen. Bei ungünstigen Ausgang durfte er die angeschafften Gegenstände behalten. Für die Probe hatte der Kommissar drei Monate vorgeschlagen, Lehmann erklärte jedoch, dass er sich nur einen Monat nach Sulza begeben könnte und die vier Wochen ausreichen würden. Außerdem  versprach er, dass für die Probe nur die Hälfte des sonst üblichen Brennholzes benötigt würde, weil seine Gradiermethode eine weitaus höher gradierte Siedesole ergibt, als üblich. Zum Beweis sollte unter den gleichen Witterungsbedingungen eine Gegenprobe durch die Pfännerschaft erfolgen. Auch die Löhne für die von ihm benötigten Maurer-, Zimmerer, Sieder und Gradierer wollte er aus der eigenen Tasche bezahlen, verlangte dafür aber die kostenlose Lieferung der Sole  seitens der Pfännerschaft und die Überlassung des ausgewirkten Salzes, natürlich bei Abgabe des Salzzehnts. Im Gegenzug erklärte sich die Gewerkschaft bereit, falls die Probe erfolgreich sei und weiter angewendet werden kann, Lehmann mit dem neunten Teil des Ertrags des Salzwerkes auf 20 Jahre zu beteiligen und falls er davor verstirbt, seine Erben mit einer Einmalzahlung von 1000 Talern abzufinden.  Die Vereinbarung unterzeichneten Reyher, Wenzel, Hartig und Lehmann sowie Hoch als Beauftragter des Herzogs.

 

„Nachdem auf Veranlassung des Professoris Publici in Leipzig D. Johann Christian Lehmanns wegen Erholung der Sohlen im Gradiren und Verbesserung der Siede-Arth auf Neu-Sultzaer-Saltz-Werck in verwichener Leipziger Neu-Jahrs-Messe unterm 13. Jan. 1718 zwischen unsern hierzu gevollmächtigten Commissarius Hochen und denen sämmtlichen Saltz-Wercks Gewercken eine Transaction bis auf unsere Ratification aufgerichtet worden, und die angegebenen Interventiones so wohl unsere bey gedachten Saltz-Wercke des 8ten und 16ten Freytheils reservirte Regalien, ein merckliches erhöhen. Als haben Wir nach geschehenen Vertrag, gedachte  Transaction in allen ihren Puncten, Inhalte und Clausuln gnädigst approbiret und ratificiret, jedoch nicht andern gestalt, als daß derselben in allen unverbrüchlich nachgehet und die gethanen Promessen von obgedachten Professore cum effectu praesiret und bey nunmehro anscheinenden guten Frühlings-Wetter diese Probe abgeleget wird. Zu Uhrkunde dessen haben wir diese ratification eigenhändig unterschreiben und mit Unser Fürstl. Insiegel bedrucken lassen.

So geschehen, Friedenstein, den 21. Martii 1718                             Friedrich, Hertzog v. Sachsen 

 

Allerdings vergingen zwei Jahre bis Lehmann soweit war, in einem von der Gewerkschaft bereitgestellten Kot mit seiner Probe zu beginnen. Die erste Probe vom 14. Mai bis 26. Juli 1720 bei der Lehmann 8 bis 9 Personen beschäftigte, ergab 11 Stück Salz bei einem Holzverbrauch von 62 Klaftern. Im gleichen Zeitraum hatte die Gewerkschaft mit dem herkömmlichen Verfahren 1411 Stück Salz bei einem Holzverbrauch von 313 Klaftern mit 5 Beschäftigten erzeugt. Damit lag Lehmanns Holzverbrauch mit 5,5 Klaftern/Stück über dem der Gewerkschaft (4,5 Klafter/Stück) berichtete die Gewerkschaft dem herzoglichen Rentamt am 29. Juli.

 

Daraufhin befahl der Herzog

„Hochgelahrter Rath, lieber Getreuer. Aus angeschlossener Relation und Saltz-Siede-Probe ist zu ersehen, wie weit es D. Lehmann zu Leipzig in einem von der Gewerckschaft zu Neu-Sultza ihm eingeräumten Kothe mit seiner inventirten Gradirung gebracht. Wenn aber sothane Probe dergestalt umbgeschlagen, daß das Saltz nicht nur gantz unscheinbar, schwartz und bittern Geschmacks befunden worden, sondern auch wegen seines unangenehmen wiedrigen Geruchs schwerlich an den Mann zu bringen seyn, mithin auf die Maasse das paestum an und für sich selbsten hinwegfallen wird  und wir dann zu wissen verlangen, ob etwas und wieviel besagten D. Lehmann an den wegen seiner aufgewendeten Kosten praetendirten Vorschüsse bereits avanciret worden. Also begehren wir gnädigst, ihr wollet die Relation D. Beyern zu Cahla abschriftlich zufertigen und Befehl tun, daß er alles gleichfalls in Augenschein nehme und seinen Bericht erstatte, welchen ihr nebst Remittirung der communicirten Relation förderlichst einzusenden, auch eure ohnmaßgeblichen Gedanken darüber unterthänigst zu eröffen habt.

Friedenstein, den 6. August 1720                  Friedrich Hertzog zu Sachsen

 

Dies war dem Professor natürlich nicht entgangen und so versuchte er, sich am 4. September vor dem Herzog zu rechtfertigen, zumal ja dieser Bericht nicht nur nach Gotha sondern auch nach Dresden gelangt war, was Lehmann natürlich hier in Mißkredit brachte, zumal es mit der von ihm versprochenen Hebung der kursächsischen Salinen auch nicht recht voran ging.

Lehmann verwies nun darauf, dass die zugesagte Hilfe ausgeblieben war und die Gewerkschaft  ihn bei jeder Gelegenheit gehindert hätten, die erstrebten Ergebnisse zu erzielen. Er bat darum, ihm eine zweite Probe zu gewähren und einen Vorschuss von 300 Talern, worauf der Herzog seiner altenburgischen Rentkammer befahl:

 

„...so begehren Wir gnädigst, Ihr wollet D. Beyern zu Cahla anderweit verfügen, der vorkommenden völligen Probe im Beiseyns der Gewercken oder einiger derselben beyzuwohnen, alles genau zu observiren und insonderheit  zu notiren, was darbey an Holtz und Lohn consumiret, auch vor Saltz gewonnen wird, solches in einige richtige Destination zu bringen, die Probe auch doppelt als einmahl von der bloßen Sohle und dann gleichfalls von der gradirten thun zu lassen und wie alles geschehen umständlich mit Einschickung des Protocolls zu berichten, wozu ihr ihm mit benöthigten Instructions-Puncten zu versehen und benebst zu arbitriren habt, weil dem Vernehmen nach zu solcher Probe 2 bis 3 Wochen erfordert werden dürffte, was ermeldten D. Beyern als Commissario zur täglichen Zehrung zu verordnen und wollen wir uns nach eingelangten Berichte wegen des verlangten Vorschusses auch wie es mit den Zehrungs- und Unkosten gehalten werden solle, nach Befinden anschließen.

Friedensstein, den 14. September 1720                     Friedrich Hertzog v. Sachsen

 

Die Geduld  des Herzog und seiner Beamten war ungewöhnlich, zumal weitere Beschwerden und Rechtfertigungen bei Hofe eingingen. So versuchte Lehmann zu beweisen, dass das von ihm erzeugte Salz keineswegs unbrauchbar war. Dazu legte er eidliche Zeugenaussagen vor, wie die der Witwe Schlag vor dem Rat von Sulza oder die des Schäfers des Herrn von Bodenhausen auf Escheroda.  Im Gegenzug beschwerte sich die Gewerkschaft, dass sie durch Lehmann „..im vergangenen gantzen Sommer ...große Plage und Hinderung gehabt“ und „daß mit seiner Coctur gegen unsere der Gewerckschaft derjenige Profit, wozu er sich anheischig gemacht, weder bei der schlechten Sohle vom Brunnen noch bey der nach unserer Arth vorhero gradirten zu erlangen“ war.  

 

Jedenfalls sollte die zweite Probe durchgeführt werden. Dazu fanden sich neben dem herzogl. Kommissar Dr. Beyer, den Gewerken und Lehmann auch der Camburger Notar Johann Christoph Oberreuther als Protokollant am 2. Oktober 1720 in Neu-Sulza beim Salzverwalter Johann Matthias Ameiß ein. Zuerst vereidigte der Notar die für die Probe eingeteilten Salzsieder und Gradierer, dass sie sich den Anordnungen Lehmanns zu fügen hätten und keine der Sache entgegen stehenden Handlungen vornehmen dürfen. Die Hauptprobe begann am 3. Oktober und endete am 6. November. Alle Vorgänge, der Brennholzverbrauch, die Konzentration und die ausgewirkten Mengen wurden peinlich genau vom Notar protokolliert. Insgesamt bleiben die Ergebnisse weit hinter den Erwartungen zurück. Nach drei Tagen Bedenkzeit, kam dann Lehmann zu dem Schluß,  dass es jedoch erkennbar sei, dass sein System funktionieren würde, wenn nicht wie schon bei der Vorprobe zu viele Widrigkeiten, Schlendrian des Personals und unkalkulierbare Witterungseinflüsse  den Gang der Dinge behinderten. Das Protokoll wurde dann dem Herzog zur weiteren Entscheidung übergeben, worauf dieser anordnete, dass alle weiteren Versuche in Sulza eingestellt und keine weiteren Vorschüsse gewährt werden.

Nachdem Lehmann davon Kenntnis hatte,  folgte postwendend eine weitschweifige Rechtfertigung, die damit schloss:

„.. Als flehe ich nochmahls E. Herzogl. Durchl. der ich ein Fremdling bin und E. Herzogl. Durchl. Interesse und Erhebung Dero Saltz-Wercks-Regale mit meinen eigenen und aufgenommenen Mitteln zu heben gesuchet, so viel Beträgniß, Versäumniß und Arbeit ausgestanden, es durch Gottes Gnade so weit bringen können, um mächtigen Schutz gegen die Gewercken und ihr unnöthiges Scaliren … in unterthänigster Zuversicht  lebend E. Herzogl. Durchl. werden in hohen Graden meinen Vorschuss derer 4000 Rthl. nie wieder suchen lassen und nach völliger Einrichtung, welche ohne E. Durchl. Protection und eigenen Angriff, vieler Schwierigkeiten wegen suppimiret werden würden, nur zu der versprochenen Praestation werden würde, mir zu der versprochenen Praestation den Neundten zu verhelfen gnädigst geruhen. Da sodann  die noch übrige Gradirungen, so aus Mangel an Gelder noch nicht zeigen können, zu deconviren gleichfalls verspreche, vor solche mir erzeigte Justice, den allgewaltigen Gott um langes Leben und glückliche Regierung E Hochfürstl. Durchl.  Anrufe und biß an das Ende meines Lebens unaussetzlich verharre.

Leipzig, den 18. Dec. 1720                            D. Lehmann

 

Dem Schreiben war eine Denkschrift angefügt, die Lehmann 1721 auf eigene Kosten bei dem Leipziger Verleger J. A. Zschau drucken ließ.

 

Sachßen kan Alle arme Saltz-Quellen welches in große Menge hat mit Nutzen und Ausbeute bauen – Innerhalb zwey biß drey Jahren sich selbst mit Saltz verlegen, es widerspreche solches wer da wolle, nachdem erwiesen,

I.) Daß an jeder Pfanne und Heerde … fünffmahl mehr Sohle in würckliche Gradirung und Ausdämpfung bereits gebracht worden, künfftig aber 15 mal mehr solche Sohle zur Gradirung anzubringen sey, ohne einen Scheit mehr, als bey dem ordinairen Auswürcken des Saltzes sonst consumiret worden...

II.) Die Gradir-Häuser-Dächer im Zugutemachen mehrerer armen Sohle, als zeithero gewöhnlich, ein großes contribuiren

III.) Die erwiesenen Gradir-Maschine mit einem halben Klaffter Holtz 6 Faß wildes Wasser in der Luft ausgedampft

IV.) Dabey die rothe Lauge, so zeithero weggegossen worden, das Sal mirabile Glauberi … oder Sauerbrunnen giebt

V.) Der Schöp oder Terrestreite so man weggeworffen die herrlichste Magnesia alba ist

VI.) Daß auch durch eine andere Maschine, so höchstens 10 Klafftern Holtz brauchet, 300 Faß Sohle wöchentlich in der Luft gesotten werden können, die absonderlich der Winter-Gradirung ...dienet.

 

Seine Vorschläge waren durchaus praktikabel, zumal sich Lehmann nicht auf Wundermittel berief, wie das  „arcanum“ mit dem die Kösener Sozietät die kursächsischen Salinen verbessern wollte. Allerdings erwiesen sich seine Mittel und Verfahren als völlig unzureichend, um die versprochene Steigerung der Salzproduktion und der Einkünfte der Saline zu erreichen.

Die Lehmannsche „Gradier-Maschine“ bestand aus Eichenfässern mit eingelassenen Kupferrohren  durch die die warmen Rauchgase der Feuerung der Siedeherde geleitet wurden. Durch die Erwärmung der Sole in den Fässern, sollte  das Wasser verdampfen und somit eine gewisse Aufkonzentrierung der von den Gradierhäusern oder aus dem schacht kommenden Sole erzeilt werden. Allerdings war der Effekt geringer als erwartet, da die Rauchgase nicht mehr die nötige Wärme abgaben. Außerdem behinderten die um den Siedeherd angeordneten Fässer den eigentlichen Siedeprozeß. Allerdings wurde durch die Vorerwärmung tatsächlich eine geringe Menge Brennholz eingespart. Die Dachgradierung war zwar effektiver, allerdings sehr wändig, mussten doch Knechte die Rohsole auf dem Dach des Gradierhauses mittels Gießkannen verteilen. Das schränkte schon die zur Aufgabe gebrachte Menge ein und brachte nur bei sorgfältiger Verteilung und intensiven Sonnenschein die gewünschten Ergebnisse.

Anders sah es bei der Weiterverarbeitung der Siedeabfälle wie Mutterlauge, Salzschlamm und Pfannenstein aus. Die Herstellung von Glaubersalz (Natriumsulfat Na2SO4) und Magnesia (Magnesiumcarbonat MgCO3) hätte tatsächlich die Einkünfte der Saline beträchtlich vermehrt, allerdings war dafür die Zeit noch nicht reif.  

 

Am 3. Januar erklärte die Kommission, dass es nicht von der Hand zu weisen sei, dass seitens des Floßmeisters Wenzel und des Salzverwalters Ameiß die Probe erheblich behindert wurde, dass die Gradiermaschinen nicht völlig zu verwerfen sind, auch wenn keine sicheren Ergebnisse erzielt wurden. Außerdem wurde vorgeschlagen, durch öffentlichen Anschlag einen jeden In- und Ausländer zu erlauben, nach einer ergiebigen Salzquelle in Sulza zu suchen, für die Abgabe des 10. Teils diese zu gradieren und der  Gewewrkschaft zu verkaufen oder wenn die Gewerkschaft eine mehr als 8 löthige Sole finden sollte, dieser den Aufwand und eine Entschädigung von 1000 Dukaten zuzubilligen.

Auch der Stadtphysikus von Kahla, der ja persönlich der Hauptprobe beigewohnt hatte, machte einen für Lehmann annehmbaren Vorschlag.

„..In denen von Hr. D. und Prof. Lehmann  gegenwärtig abgefaßten unterthänigsten Berichte, hat, man sowohl nach der Instruction als Registratur gegen einander haltender geschehener Untersuchung dermahlen nichts bedencket und der Wahrheit entgegen lauffend finden können, welches aber auch verhoffendt bey anderweitiger höherer Einsehung sich in der That also befinden wird. Was hernechst aber die Magnesia alba und Epsomens Glauberi betrifft, wird dem maaßgebl. Davor gehalten das commercium um einen billichen Preiß gegen leichten Abtrag allein zu überlassen

  1. Januarii 1721 D. Beyer

 

Doch nur mit der Überlassung der Siederückstände zur Weiterverarbeitung gab sich Lehmann nicht zufrieden. Auf seine folgende Vorstellung teilte der mit der Prüfung beauftragte Kammerjunker Ludwig Reinhardt von Hertzberg dem Herzog mit:  

„...Nachdem bey E. Hochfürstl. Durchl. der Prof. Dr. Lehmann aus Leipzig unterm 5ten Febr. 1721 unterthänigst einkommen und um Wiederbezahlung seines a 5000 Rthl. behufs der verbesserten Saltz-Coctur gethanen Vorschusses und Einwendens, wie auch daß seine Siede-Arth ferner gebrauchet und folglich das laut gnädigst confimirten Accords überlassene nechst verabfolgt werden möchte unterthänig Ansuchung thut...“ und weiter „...wann sie gegen der Gewercken-Coctur gehalten wird, zwar noch zur Zeit keinen großen Nutzen gehabt, jedoch aber wegen verschiedener nützlicher Addidamentorum und Erfindungen durch künfftige bessere Excodirung vielen Nutzen beym Saltz-Wercke stifften können. Daher weilen aber bey diesen Lehmannschen Stück-Proben demnach erhellet, daß derselbe doch wenigstens den Ausbringen der Gewerckschafft gleichkommen und daher vorgeschlagen wurde, als die Gewercke dahin zu  disponiren und allenfalls anzuweisen wäre, mit ihren Sieden auff ein Viertel-Jahr zurück zu stehen und dargegen darauff zuwendende Kosten zur Lehmannschen Viertel-Jährigen alleinigen Anteil herzuschießen“

 

Gegen diesen Vorschlag, Lehmann das Salzwerk für drei Monate zu überlassen, wehrte sich die Gewerkschaft auf das Heftigste. Ihre Begründung umfasste 206 Paragrafen, die beweisen sollten, dass das Probesiedung gegenüber den hergebrachten Gradier- und Siedeverfahren keinerlei  nennenswerte Verbesserungen ergeben hätten. Daraufhin verfasste Lehmann eine „Gründliche Beantwortung der Neu-Sultzaer Gewerckschafft“ und stellte im Brustton der Überzeugung fest, seine „..Intentiones der Saltz-Siederey-Verbesserung sind keinesweges unnützlich, kostbar, nicht angehend oder von keinem Fundament, auch von keiner Dauer, wie die Neu-Sultzaer Gewerckschafft ohne Grund und Wahrheit auszuschreien und davon zu schreiben sich nicht entblödet...“

 

Um die Sache doch noch zu einem guten Ende zu bringen, wurden vom fürstlichen Kommissar Johann M. Gotter mehrere Termine anberaumt, denen aber die Gewerkschaften mit allerlei Ausflüchten fernblieb. Das betraf auch den Termin am 26. Oktober 1721 in Gotha wo sich der Vizefloßmeister Hartig damit entschuldigte, dass er wegen der Erkrankung seines Vorgesetzten Wenzels dringenden dienstlicher Verpflichtungen nachzukommen habe, ebenso wie der Kommissionsrat Reyher, der wegen der langen Anreise sich entschuldigte. Dr. Lehmann der gekommen war, meinte dazu: „.. Je mehr nun E. Hochfürstl. Durchl. schuldiger Gehorsam die Gewerckschafft unverantwortlicher Weise entzogen, Dero hohes Interesse an Erhebung des Saltz-Wercks, so viel Jahre bereits gehindert und zernichtet hat, meiner als eines treuen Arbeiters und Fremdlings Ruin von der Gewerckschafft gesuchet, wodurch meiner von Gott dennoch gesegneten Arbeit, Lohn und Vorschuß, auch recht zurück gehalten worden, um so viel desto gnädige Erhörung zu erlangen, verspreche mir von E. Hochfürstl. Durchl. stets liebender Gerechtigkeit...“  

Seine Beharrlichkeit hatte Erfgolg. Zunächst gab der Stadtphysikus zu Kahla Dr. Beyer vor der Hohen Bergkommission auf Schloß Friedenstein zu Protokoll:

„... Herrn Doctor und Professors Lehmanns Sache betreffend, so halte ich mit guten Bedacht nochmahls davor, daß dessen Intentiones nicht disavantagieuxe, wenn nur derselbige nicht durch Neidt, Hinterlist, Betrug und Parthnerey auch vorsetzlicher Hinderungen in vielen Stücken hintergangen worden wäre, da sonst dessen Proben sich auch ergiebiger würden gezeigt haben...“

Daraufhin protokollierte J. M. Gotter:

„..da die Gewerckschafft auch voritzo ungehorsamlich ausgeblieben, ob sie schon unausbleiblich beschieden....es scheine wie je länger je mehr das herrschafftliche Interesse darunter leide, indem die Gewerckschafft die wichtigsten pertinentien theils veralimiret, theils ruiniret und wohl gar destruiret... der ietzmalige Schacht woraus gesotten würde sey nicht bergmännisch abgeteuffet und verwahret, die Quellen wären nicht gebührend verwahret, daher die wilden Wasser ihren mächtigen Zugang genommen, dadurch die Saltz-Quellen zertrümmert … und das gantze Werck zu Grunde gehen würde...“

Als daraufhin auch noch der Fürstl. Sächs. Friedensteinische Cammer Fiscal Johann Caspar Hopff  zu Protokoll gab, dass er seit 3 Jahren vergeblich versucht habe, von den Gewerkschaften 987 und vom Floßmeister Wenzel 91 Gulden Vorschuss einzutreiben und dies dem Herzog zum Vortrag gebracht wurde, befahl dieser der Rent-Kammer zu Altenburg:

„... haben wir auf sein unterthänigstes Ansuchen eingewilliget, daß er auf ein Jahr zu continuirung seiner angefangenen Probe und Real-Demonstration in das Saltz-Werck eingewiesen...und wollet ihr die Einweisung durch D. Beyern forderlich bewerckstelligen  und ihm dasjenige an Gradir-Häusern, Bottichen, Geräth-Cammer auch nöthiger Zimmer zur Wohnung einräumen zu lassen, was die Gewerckschafft nicht selbst vor sich zum Gebrauch nöthig hat. Weiln auch mit vorkommen, daß das gantze Saltz-Werck bishero nicht Bergmännisch geführt … mithin zu besorgen, es möchte das gantze Werck gar zu Sumpffe gehen, so sind Wir gemeinet durch euch den Cammer-Rath Freißleben und dem Cammer-Juncker von Hertzberg mit Zuziehung besagten D. Beyers sich alles in gegenwärtigen Stand befindet in Augenschein nehmen zu lassen, dahero sich unternander berathen und ein gewisser Tag zu concertiren seyn wird, sowohl den Gewercken ihre bißherigen Veranstaltungen und Einrichtungen als auch Prof. Lehmann neue Intentionen zu examiniren...“

  1. Dec. 1722                                          Friedrich Hertzog zu Sachsen

 

Lehmann sah sich nun bestätigt und drang auf die umgehende Einweisung in die Saline, worauf am 10. Februar 1723 ein weiterer Befehl an die Kommission erging „..den bisherigen vielfältigen so mündlich als schriftlichen Behelligungen besagten Professors ein Ende zu machen“ und den Termin in Sulza festzulegen wobei „..es aber hierunter nicht auf der Gewerckschafft eigene Willkür sondern der Commission pflichtmäßiges arbitrium ankommt ..“

 

Daraufhin erklärten am 27. Februar der Amtmann J. G. Reyher in Vertretung seines Vaters des Kommissionsrates Reyher, der Steuerprokurator Bernhardt Christian Laxner, in Vertretung seines Schwiegervaters des Floßmeisters Wenzel und der Vizefloßmeister G. Hartig vor dem Camburger Notar Johann Christian Oberreuther, dass man dem herzogl. Befehl gerne nachkommen wolle, soweit es ihnen nicht zum Schaden gereicht.  Man wäre bereit, Lehmann das Salzwerk auf ein Jahr zu verpachten wenn die Pacht dem jährlichen Überschuss entspricht. Sie legten dann die Rechnungen aus den letzten vier Jahren vor, nach denen das Salzwerk durchschnittlich 694 Gulden Überschuß erwirtschaftet. Die laufenden Kosten wären durch den Verkauf des Salzes gedeckt.  Außerdem hätte Lehmann dank seiner verbesserten Gradierung und Siedung auch eine höheren Ertrag. Als Lehmann ablehnte, erklärte die Gewerkschaft, dass sie auf die Pacht verzichten aber eine Kaution von 6000 Talern für mögliche Schäden am Salzwerk in bar hinterlegt werden sollte. Auch das lehnte Lehmann ab, worauf die Angelegenheit dem Herzog zur Entscheidung überlassen wurde.

Interessant sind die dem Protokoll beigefügten Besoldungslisten und Deputate der Beschäftigten  und die Jahresrechnungen 1719 bis 1722 des Salzschreibers Putscher

Lehmann berief sich in seiner Gegendarstellung auf die Verfügung des Herzogs und verlangte die kostenlose Überlassung des gesamten Werkes mit den drei Gradierhäusern, den Siedehütten samt Zubehör und Personal. Dabei verwies er auf seine Erfolge bei der Hebung der  brandenburgisch-preußischen Saline Schönebeck und der kursächsischen Salinen im Vogtland, worauf weiter unten noch eingegangen wird.

Doch damit erreichte er nicht viel, denn die Gewerkschaft argumentierte „...mit diversen Scripten“, wie der Kammerrat von Freißleben berichtete, wozu eine eidesstattliche Erklärung der Bedienten der Saline gehörte:

„Im Nahmen der Heiligen und Hochgelobten Dreyeinigkeit sey hiermit zu wissen, denen es vonnöthen, daß im Jahr nach unsres Heylands Geburth Ein Tausend Siebenhundert und Drey und Zwantzig bey Herrsch- und Regierung des Allerdurchlauchtigsten, Großmächtigsten und Unüberwindlichsten Fürsten und Herrn, Herr Carolus des VI. erwehlter Römischer Kayser pp. die Herren Saltz-Gewercken von Neu-Sultza unterm 12. Augusti 1723 mich als Kayserl. Geschworenen Notarium .. auf den 19ten .. nach Neu-Sultza zu begeben und einige zugleich angegebenen Zeugen über gewisse Articul vermittelst Eydes zu vernehmen … Wenn ich denn Krafft aufhabenden Notariatsambtes deren Gesuch nicht entstehen können, und deßhalben mich ernannten Tages nacher Neu-Sultza auf das sogenannte Ober-Werck in des dortigen Saltz-Verwalters H. Joh. Matthiä Ameißens Behausung, und dessen obere Stube verfüget, sowohl auch zwey Instruments-Zeugen, nahmentlich Meister Christian Beyern, Becker und Meister Joh. Andreas Gröschnern, Strumpffwircker, beyderseits Einwohner von Neu-Sultza  gebührend requiriret, vor sich und im Nahmen derer übrigen Gewercken  die angegebenen Zeugen, nahmentlich Hans Friedrich Scheuffler, Christian Scheuffler, Hans Christoph Scheuffler und Hans Adam Blüthner persönlich produciret, ihrer gegen sie als ihr dermahlige Gerichts-Obrigkeit aufhabenden Pflichten dann mit nachstehenden Zeugen-Eyde belegt worden....welchen sie auch nach vorhergeganger ernster Verwarnung, allenthalben die reine Wahrheit auszusagen...um XI Uhr Vormittags mit aufgehobenen drey Vorder-Fingern rechter Hand würcklich abgeschworen und darauf ein ieder auf die vorgehaltenen Articul seine Aussage erstattet hat.

Name und Alter:         Christian Scheuffler    48 Jahre von hier, Steiger und Saltzsieder

  1. Fr. Scheuffler 44 Jahre von hier, Saltzsieder
  2. Chr. Scheuffler 30 Jahre von hier, Kunstwärter
  3. A. Blöthner 55 Jahre von Jena gebürtig, Kunstwärter

Kann mit guten Gewissen ausgesagt werden, daß die Gewerckschaft zu Neu-Sultza, daferne sie Saltz sieden soll, nicht das geringste an Gradir-Häusern, als andre Gebäude, Pfannen und andre Dinge entbehren kann?

                                   Antwort alle „Ja“

Muß man mit Saltzsieden aufhören, wenn die Gewerckschaft etwas davon an D. Lehmann abtreten muß ?

                                   Antwort alle „Ja“

So geschehen im Jahr Christi wie oben gedacht, den neunzehnten Tag des Monats August

Christian Franz Voigt             Not.-Public.

 

Daraufhin wandte sich Lehmann am 2. September 1723 erneut an den Herzog unter Berufung auf  die bei der ersten Probe erreichten vorteilhaften Ergebnisse.

Zur Bekräftigung legte er die Erklärung der Salzsieder Weißgerber,  Vater und Sohn vor, dass die 1720 gesottenen Salzstücke  in Beisein des Salzschreibers vom Notar Oberreuter versiegelt wurden und „dauerhaft und schadlos“ vorhanden seien.  Der Naumburger Kupferschmiedemeister J. G. bestätigte, dass die von ihm 1720 angefertigten Röhren in den mit Sole gefüllten Fässern funktionsfähig sind  und Meister Burkhardt aus Auerstädt bestätigte, dass die 34 eichenen Sole-Fässer im guten Zustand sind. Allerdings hätte der Salzsieder Scheufler auf der Naumburger Peter-Pauls Messe geäußert „..wenn Hr. Lehmann nur fort ist, so wollen wir das beste schon raus nehmen, und anstatt der Fässer gute Bottiche auf die Rohre am Herd setzen“.

Außerdem waren Erklärungen des kursächsischen Kron-Schatz-Meisters J. G. von Prebendow und des General-Thesaurus L. Dippert beigefügt, die Lehmanns erfolgreiches Wirken in Wieliczka und Bochnia beweisen sollten. 

Abschließend bat er darum, ihm die versprochenen Bergrechte und die einjährige Benutzung des Salzwerkes zu gewähren, seine Vorschüsse zu erstatten, ihm den neunten Teil des Salzes zu überlassen, ihn über die Einsprüche der Gewerkschaft zu informieren und endlich einen Termin für die Einweisung festzulegen.

Ein weiteres Schreiben Lehmanns folgte im Februar 1724 unter der Überschrift „Beantwortung der Gewerckschafft von Neu-Sultza praecludirtes Einbringen...“

Daß solches Einbringen aus lauter alten ... und wieder die Wahrheit selbst lauffenden Dingen bestehet, wessentwegen auf solches Vorbringen, auch nicht die geringste Reflexion zu machen seyn dürffte. Es setzet indessen die Neu-Sulzaer Gewerckschaft, so aus Hr. Commissions-Rath Gottfried Reyher und George Hartig  bestehet, weil Floß Meister Wenzeln die Hand Gottes gerühret und über sein Drittheil des Wercks, wem es gehöret, dubieux ist, indem erwehnter Hr. Reyher ohne Gerichts-Consens die Kauff-Gelder davor bezahlt haben will, S. Exzellenz der Geheime Raths-Director von Bochow auf solches Drittheil wegen 2000 Rthl. Floß-Meister Wenzeln ihn schuldige Gelder gerichtl. Arrest geleget, Floß-Meister Hartig aber einen Kauff-Contract von 1719 produciret, da Wenzel ihm solche Drittheil des Saltz-Wercks vor 4000 fl. verkauffet haben soll...“

(Letzteres passt mit den Vorgängen in Kösen zusammen. Nach dem Zusammenbruch der „Cösener Sozietät“ im Jahr 1717, an der Wenzel maßgeblich beteiligt war, geriet er in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten. 1719  wurde Wenzel wegen Unregelmäßigkeiten der Floßkasse von seinem Amt entbunden und sein sämtliches Habe auf Anweisung der kursächsischen Kammer von den Schulbeamten beschlagnahmt. Demnach hatte er seinen Anteile an der Saline in weiser Voraussicht  seinem Vize verkauft und damit die Kaufsumme nicht eingezogen werden konnte, in weiser Voraussicht  auf eine amtliche Beglaubigung verzichtet).

Nun folgt erneut eine weitschweifige Aufzählung der bisherigen Geschehnisse. Dann verweist  Lehmann  auf das fachliche Unwissen der Gewerkschaften:

„Ja, was wollen die Gewercken sagen, ihr eigener Saltz-Verwalter Ameiß, ihr Oraculum, ihre gantze Saltz-Siede-Wissenschaft, denn ohne ihn wissen sie ne nilum quidem im Saltz-Sieden, welches Commissions-Rath Reyher bekennt, daß er nichts vom Saltz-Sieden versteht, und Floß-Meister Hartig hat das Saltz-Sieden von denen Manne gelernt, und ist noch lange nicht so weit kommen, als dieser, sein Meister Ameiß, der gegen alle Personen, die nur auffs Werck seit meiner gesottenen Probe 1720 kommen, auf meine Inventionen gelästert, sie versprochen, auf alle ersinnliche Arth vernichtet und aus den Principio „des Brodt ich esse, des Lied ich singe“ mich nicht nur zu hindern gesucht ...“

Mit 102 Punkte versucht er dann die Argumente der Gewerkschaft zu entkräften und erklärt abschließend:

„Ob anstatt der Erhöhung die Gewerckschafft einige Bestrafung vor die evidente und dreyjährige Hinderung E. Hochf. Durchl. Interesse und Ruinirung des Wercks, auch meine so augenscheinlich gesuchte Beschimpfung und Auffhaltung nach meiner erlangten Berg-Rechtlichen Immission v. 14. Dec. 1722 verdiene, stelle ich E. Hochf. Durchl. gerechtester Ansehung anheim und bitte die Gewerckschafft völlig abzuweisen...“

Leipzig, den 12. Januarii 1724                                  Prof. D. Lehmann

 

Ein letzter Versuch Lehmann, seine Vorschüsse wieder zu erlangen war eine zweite Denkschrift mit sieben Punkten, womit nach seiner Auffassung die Nützlichkeit seiner Vorschläge unter Beweis gestellt wurde.

Dennoch kan Sachsen alle arme Saltz-Quellen zu gute sieden, es widerspreche wer da wolle. Nachdem ferner erwiesen ist:

I.) Daß in Neu-Sultza die arme Born-Sole von ein Drei Viertel Loth im Octob. und Novemb. auf einmahl ausgiessen nicht nur doppelt, sondern vierfach höher auf dem Gradir-Dache erhöhet worden. Daher die 6 Löthige gradirte zu allen Zeiten doppelt und dreyfach zu 12 biß 18 Loth, wie in Poserne geschehen, gradirt werden kann.

II.) Darbey hat sich die Dauerhafftigkeit des Gradir-Daches vom Frühjahr 1720 biß Ende Januarii 1724 und beynahe vier gantzer Jahre gezeiget und stehet annoch ohne Anbringung einer Schindel.

III.) Die Heerd-Fässer und ihre Röhren sind ohngeachtet sie über drey Jahre in Sole beständig gestanden, vollkommen tüchtig und unwandelbar und sind auch von vielen Saltz-Verständigen Saltz- und Berg-Aembtern auch von denen Neidern selbst vor nützlich erkanndt.

IV.) Das durch die Geräthschafft gesottene Saltz ist schön, gut und ohn tadelhafft gefallen auch über drey Jahre in einer kalten und auff der Erde gebauten Cammer in blossen Saltz-Körben stehend, wie es am 6. October 1720 von den Gewerckschafft-Leuten von der Pfanne gehoben und vom Notario die Köpffe mit Leinwand überzogen und versiegelt worden, dauerhafft und unzerflossen bleiben, ohngeachtet in der Zeit in den Behältnis von der Gewerckschafft gefertigtes Saltz weit über 1000 Stücke die Köpffe verlohren und eingefallen.

V.) Sind auch in drey Tagen und einigen Stunden 50 Scheffel Saltz in diversen dreyen Suden und also weit mehr, als in einem Hällischen Kothe, bey reichen Quellen ausgewürcket worden.

VI.) Welches alles niemahls auff einer Pfanne von einer Probe auf den Sultzaer- Wercke geschehen, weniger von der Gewerckschafft, noch ihren Pächtern nach der Probe, in Zeit von drey Jahren hat nachgethan werden können.

VII.) Wie denn das Sal epsomense und Magnesia alba von gantzen Collegiis Mediciis, diversen Societäten und vielen hocherfahrenen Medicis und Physicis über drey Jahre in praxi tüchtig und vollkommen gut befunden und declariret so aus dem Schöp und rothen Mutter-Lauge des Saltzes erfunden und gefertigt worden,

durch

  1. Johann Christian Lehmann, Phys. P.P. Ord. & Med. Inst. Extr.

Maj. Princip. Colleg. p. t. Praepos. Acad. Leop. Carol, Nat. Cur  & Soc. Pruss. Membr.

Mit Königl. Pohln. und Churfürstl. Sächs. Privilegio

Auf Kosten des Autoris

Leipzig, Druck Johann Andreas Zschau 1724

 

Ein letztes Schreiben betraf dann noch einmal die inzwischen erfolgte Unterverpachtung des Salzwerkes an den Salzverwalter Ameiß und weitere Sieder.

Von Gottes Gnaden Friedrich Hertzog zu Sachsen

Bester und Hochgelahrter, Uns ist vorgetragen worden, was Ihr wegen Einrichtung der zwischen der Gewerckschafft und denen Saltzsiedern über die Saltz-Coctur zu Neu-Sultza  auf 3 Jahre errichteten Pacht-Contracts und daß dieser mit der nunmehro anbefohlenen Immission zu einer Zeit nicht beysammen stehen könne, anhero unterthänig berichtet.  Nachdem es aber bey dem, was wegen nur besagter Lehmannschen Immission sein Bewenden behält, wegen Einrichtung des Pachts aber und ob nicht diese mit mehr besagter Immission zu einer Zeit bestehen könnte, den D. Beyer zu Cahla den maßgeblichen Gutachten hierüber einzuholen vor nöthig erachtet worden...

Friedenstein  8. May 1724  

Mit diesem  Schachzug hatte die Gewerkschaft die von Herzog verfügte Einweisung Lehmanns  unterlaufen. Er musste aufgeben. Die selbst angeschafften Utensilien durfte er mitnehmen und soweit brauchbar, ließ er sie nach Altensalz bringen, das ausgewirkte Salz durfte er nach Abgabe des Zehnts verkaufen.

1731 erwarb der Fürstl. Sächsischen Hofrat Prof. Burkhardt Gotthelf Struve zu Jena das Werk. Dessen Erben verkauften die Saline 1752 der Familie des Freiherrn von Beust, die das Werk zu neuer Blüte brachte.

 

Bevor noch Lehmanns Wirken auf den kursächsischen Salinen gedacht wird, noch einige Anmerkungen zu seiner Tätigkeit auf der preußischen Saline Schönebeck.

Als 1704 bei Elmen ein alter Solebrunnen wieder erhoben wurden, entschloss sich der preußische Fiskus in Schönebeck eine Saline zu errichten, weil hier die Elbflöße das nötige Brennholz gewährte.

Am 19. Juni 1715 wurde ein Vertrag zur Mutung neuer Solequellen und der Verbesserung des Salzwerkes mit einer Gesellschaft abgeschlossen zu der neben Dr. Lehmann der Kammerrat von Heppe gehörte. Diesen Vertrag genehmigte König Friedrich Wilhelm am 19. August in Stralsund.  Schönebeck war zu dieser Zeit eine „.. arme Coctur mit der schlechtesten Salzsiederey aber schönen Gebäuden mit 42 Siedekothen, von denen wegen Mangel an Sole nur die Hälfte betrieben wurde“ wie Lehmann berichtete und erst durch den Einsatz seiner Bohr-Maschine sei es gelungen weitere Solequellen bei Schönebeck und Elmen zu erschließen. Die Funktionsweise beschrieb Lehmann bereits 1714 „Terebra Metalloscopia-vollkommene Beschreibung eines Berg-Bohrers“. Der Bohrer in Form einer Spitzhornschnecke (Fam. Terebrata) wurde mit verschraubbaren Stangen verlängert und wie ein Schlagbohrer durch eine aufwändige Maschinerie angetrieben.

Dass das zutraf, geht aus einem Schreiben der Königlichen Kommission hervor:

„...Die von Ihnen gefundene neue Saltz-Quelle betreffend, so ist uns zwar wohl bekannt, wie es biß dato vielfältiger Soole gefehlet..“

Allerdings war man auch der Ansicht, dass:

„.. wir dahero nichts andres als vor nützlich halten können, wenn sowohl durch Vermehrung als Gradirung der Soole, den Wercke zu succeciren stünden .. auch so bald fertig, sind wir parat auf erste notification wieder zu erscheinen...“

Berlin, 29. October 1715                                           F. v. Görne      G. v. Martefeld

 

Doch das trat nicht ein und die Kommission händigte den vom König genehmigten Vertrag nicht aus, weswegen Lehmann die Saline verließ. Auch einer Aufforderung der Königl. Kommission vom 9. Februar 1716  dass sich die Gesellschaft in Schönebeck nun endlich einzufinden habe, um ihre profitable Salzerzeugung unter Beweis zu stellen, kam er nicht nach. Daher erging am 18. Februar folgender Erlass:

Dekret der Königl. Preuß. Cammer des Herzogtums Magdeburg verordnete Präsident, Räthe, Cammer- und Land-Renth- Meister von Haake, Chr. Nieman, G. L. Meyer, Moldenhauer, J. Richter, G. Wacholder.

„Was gestalt S. Königl. Maj. in Preussen unser allergnädigster Herr in hohen Gnaden resolviret Dero Saltzwerck zu Schönebeck auf 8 nacheinander folgende Jahre an die Herren Geheime Räthe von Görne und Markfeld in Pacht zu übergeben und wie dieselben Uns allergnädigst anbefohlen, nunmehro unsern Hochgeehrten Herrn Cammer-Rath und Consorten in Dero höchsten Nahmen die ernstliche und nachdrückliche  Weisung zu tun, daß sie mit Ihren proben ferner nicht continuiren sondern deren sich getreulich enthalten sollen...wonach unser Hochgeachteter Cammer-Rath und dessen associirte sich allergehorsamst zu achten und des Saltz-Wesens und probiren in Schönebeck sich gentzlich zu enthalten wissen...“

Ausgerechet die beiden Kommissionsmitglieder pachteten nun die Saline. Als Ersatz erhielt die Happesche Gesellschaft am 18. Oktober 1716 das Mutungsrecht für Salzquellen bei Nauen, worauf Lehmann erklärte „Alleweile meine an 3000 Thaler angewandte Unkosten auf die Schönebecker Coctur nicht wieder erhalten. So habe an einen andern Orte aufs neue Geld anzusehen Bedenken getragen..“ 

Später erging an Lehmann doch noch eine Einladung an den preußischen Hof

„Demnach S. Königl. Majestät in Preußen pp. Unser allergnädigster Herr dem D. Lehmann zu sprechen ein allergnädigstes Verlangen tragen, als versprechen Sie denselben hiermit in Gnaden ihm Dero Königl. Gnade und Huld in der That angedeihen zu lassen, mit angehengter gewisser Versicherung, daß ihm von niemand, wer es auch seyn möge einiges Leid oder Unfug zugefüget werden soll, weshalb er sich denn also mit dem förderlichen allhier einzufinden hat.

Sig. Berlin 28. Mai 1718

Eine derartige Einladung konnte man eigentlich nicht ablehnen, doch Lehmann erklärte, dass er an anderer Stelle mit wichtigen Proben befasst sei und daher nicht kommen könne. Damit endete auch sein Wirken  in den brandenburgischen Salinen.

 

Tatsächlich erprobte er zu dieser Zeit in der kleinen gewerkschaftlichen Saline in Poserna (bei Weißenfels) seine Gradier- und Siedetechnik. Die Ergebnisse fasste er in zwei Denkschriften zusammen, die 1719 erschienen: „Versiedung einer nur auf einen 60 Ellen langen Dache gradirten Sole von 2 Löthigen Gehaltes in Boserne (Poserna)und  „Denen Gradir-Häuser, Gradir-Dächer, Gradir-Machinen, Gradir-Röhren und Fässer....“

Die Anmerkung des Freyberger Berg-Amt war kritisch:

„...wie es aber D. Lehmann hierinnen eigentlich zu halten gesonnen, ist uns, da wir dessen Vorrichtungen in grossen nicht gesehen, unbekannt und wo ferne in die vor Notarien und Zeugen bereits bewerckstelligte Probe Zweifel gesetzt werden möchte, kähme es allenfalls auf eine anderweitige und commissarische Examination, oder Haupt-Probe  an, dabey sich sodann zeigen müßte, was denn von offt erwehnter dieser Invention würcklich practicabel und im großen Wercke nützlich befunden werden würde oder nicht.

Bei den Vorschuss wird die Renth-Cammer zur Vorsicht gemahnt und diese nur nach und nach je nach Erfolg auszuzahlen  und den Berg-Voigt von Thüringen für die Einhaltung der Berg-Ordnung zu bevollmächtigen.

Freyberg, den 28. Sept. 1719

Christian Dietrich Vitzthum von Eckstädt, Carl Christian von Tettau, Gottfried Pabst, Friedrich Nicolaus Voigtel

 

Die wohl wichtigste Wirkungsstätte Lehmanns in Kursachsen war die Saline Altensalz, die ihm neben Erlbach in der Verleihungsurkunde von 1717 überlassen wurde. Altensalz war 1642 an den Landjägermeister Hans Georg von Carlowitz gekommen, der ein Stroh-Gradierhaus 48 Ellen (32 m) lang und 11 Ellen (7m ) hoch baute. 1643 waren es 168 Ellen (112 m). Da Carlowitz aber noch im gleichen Jahr starb, wurde der weitere Ausbau eingestellt und die Saline einer Pfännerschaft überlassen, die hier ebenfalls mehr recht als schlecht wirkte. Lehmann begann aber erst, als sich abzeichnete, dass sich seine Pläne in Sulza nicht verwirklichen ließen. Nach seinem Bericht vom 6. Februar 1724, betitelt „Das Alten-Saltzer Saltz-Werck bey Plauen“ wollte er im April 1723 mit dem Bau der des Salzwerkes beginnen. Doch es brauchte Zeit bis er den Zimmermeister Heisell, der bereits in Kötzschau und Teuditz (bei Dürrenberg) Erfahrungen beim Bau von Gradierwerken hatte, für 300 Taler je Anlage für die Bauausführung und den Inspektor Sembach, der bislang auf der Saline Aschersleben tätig war, für die Oberaufsicht gewinnen konnte. Nun sollte die Rentkammer  entsprechend dem Vertrag vom 23. April 1723 den versprochenen Zuschuss für das Material, für die Besoldung des Inspektors und der Zimmerleute, sowie für den Ankauf von Grund und Boden bereit stellen, damit die Wasserkunst, das Feldgestänge, der Brunnen und somit das „Werck in Stand gebracht werde“.

Am 24. April 1725, also ein ganzes Jahr später, folgte ein weiterer  Bericht „Über das Saltz-Werck: Der treuen Sachsen Pflicht und Bau: Vivat Fridericus Augustus König in Pohlen und Churfürsten zu Sachsen, bei Alten-Saltz nahe Plauen im Voigtlande gelegen“.

Demnach waren die Brettermühle fertiggestellt, ein Gradierhaus von 246 Ellen (165 m) mit   Dachgradierung gerichtet und 1/3 des Daches mit Schindeln gedeckt, Steine für den Unterbau preisgünstig gebrochen und angefahren, das Holz für den ersten Solekasten geschnitten und zum Austrocknen gelagert, die Dornen in ausreichender Menge vorhanden und durch den Regen hinreichend gereinigt.

Wöchentlich würden 4000 Schindeln von zwei Männern gefertigt, der Kunstturm zum Heben der Sole sei zur Hälfte fertig, das Kunstrad von 10 Ellen (7 m) samt Gestänge sollte  im Mai begonnen werden und der Kunstgraben war auf 2 Ellen (1,3 m) erweitert. Zur Demonstration seiner Siedemethode waren auch die Herd-Fässer mit der Herdfeuerung verbunden.

Doch auch hier gab es Bedenken und Skeptiker, deren Argumente er zu entkräften suchte. Eines davon war der Mangel an Brennholz. Doch das wäre unzutreffend, zumal nach Altensalz über den Triebe-Bach Holz aus den Werda`schen Wäldern angeflößt werden könne. Außerdem seien die  Elsterflöße von Crieschwitz nur eine dreiviertel Stunde Weges und die Schöneckischen Wälder 3 Meilen entfernt ebenso die Zwickauer Steinkohlenlager. Auch die Gerüchte, dass es sich hier nur um einen Sauerbrunnen und keinen Salzbrunnen handelt, suchte er zu entkräften und verwies auf die  Schneeberger Amtsakten über den Siedebetrieb zwischen 1641 und 1656. Dazu sei die Sole gehaltvoller als die von Sulza und mit seinen Methoden würde sich ohnehin mehr Salz bei gleichzeitiger Halbierung des Brennstoffverbrauchs ergeben. Die Proben vom 9. April 1723 hätten ergeben, dass sich jährlich 11.436 Zentner Salz ergäben, mit einer Verdoppelung des Gewinnes, dank wesentlicher Einsparungen.

Wenn seitens der Rentkammerr der restliche Vorschuss freigegeben würde, könnte das Salzwerk zu Michaelis fertig sein und mit dem Sieden begonnen werden. Damit war der bewilligte Vorschuss von 1600 Taler aufgebraucht aber eine Inbetriebnahme nicht absehbar. Das machte die kurfürstlichen Beamten mißtrauisch. Außerdem war man ja auch über Lehmanns bisher recht erfolgloses Experimentieren in Sulza und Schönebeck bestens informiert.

Inzwischen hatte August der Starke die Angelegenheit zur „Chefsache“ gemacht und den  Bergingenieur Johann Gottfried Borlach 1723 zur Suche nach Salzquellen in den kursächsischen Ämtern des Thüringer Kreises beordert. Offensichtlich hatte er bzw. seine Räte nun doch erkannt, dass Privatpersonen und Gewerkschaften, die bislang ihre Dienste anboten, letztendlich erfolglos oder Scharlatane waren.

Borlach, der in  Artern 1725 auf eine verwendbare Salzquelle stieß, begann umgehend mit dem Aufbau des ersten fiskalischen Salzwerkes in Kursachsen. Dabei nutzten ihm seine reichen Erfahrungen und die neuesten Erkenntnisse, die er auf Reisen durch deutsche und europäische Salinen gesammelt hatte. Gleichzeitig erhielt er den Auftrag, in Altensalz die Lehmannschen Versuche zu begutachten, zumal die beiden sich von Wieliczka her kannten. Borlach hegte erhebliche Zweifel an deren Nutzen und versuchte, Lehmann von seinem Vorhaben abzubringen, worauf er mit ihm in einen heftigen Disput geriet. Im Endergebnis versagte man Lehmann jegliche weitere  staatliche Unterstützung, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als auf eigene Kosten die Salzproduktion in Gang zu bringen, um die erhaltenen Vorschüsse zurück zu zahlen.

Lehmann versucht nun auf eigene Kosten die Altensalzer Saline in gang zu bringen,, was ihm aber bis zu seinem Tod 1739 nicht gelang. Er hinterließ Schulden und die Vorschüsse, forderte die Rentkammer noch von seiner Witwe. Die Saline wurde geschlossen, spätere Versuche sie wieder zu erheben scheiterten wegen des zu geringen Salzgehaltes. Heute erstreckt sich an dieser Stelle die Talsperre Pöhl, die die Triebe und einige Nebenbäche aufstaut.

Dennoch haben einige seiner „Intentionen“ wenn auch erst in späterer Zeit  und in anderer Form zur Verbesserung des Gradier- und Siedebetriebes beigetragen. Das betraf einmal die Dachgradierung, die als Tafelgradierung im Zuge der Reorganisation der kursächsischen Salinen und der Entdachung der Gradierhäuser eingeführt wurde. Dabei ließ man die Sole, nachdem sie an der Gradierwand gefallen war, über die Abdeckungen der unteren Soleschiffe oder der Solereservoire laufen und erreichte dabei eine zusätzliche Aufkonzentrierung. Anstelle seiner Gradiermaschinen, den eichenen Solefässern mit den eingebauten Kupferröhren durch die die heißen Abgase der Siedeherde geleitet wurden, kamen dann die Vorwärmpfannen zum Einsatz. Die hatte schon 1723 der Zellerfelder Salinist Christian Böse vorgeschlagen, nachdem er Lehmanns „Herd-Fässer“ und die Rauchabzüge begutachtet hatte. Zukunftsweisend waren auch seine Bemühungen, die bis dahin als überflüssig erachteten Siedeabfälle zu veredeln. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts wandte man sich der Herstellung von Glauber- und Bittersalzen aus dem Salzschlamm und der Mutterlauge zu. 1813 gründete der Apotheker Dr. J. B. Trommsdorf (1770-1837)  in Teuditz die Fabrik zur Herstellung pharmazeutischer Produkte und schon bald gehörte die „chemische Fabrik“ zur Saline  und gewährte  dem Fiskus bzw. dem jeweiligen Pächter eine ansehnliche Einnahmequelle.

 

Nebenher beschäftigte sich Lehmann, der ja auch Mediziner war, mit  der Publikation der Nutzung  von Mineralquellen zu Heilzwecken.

Zeitgleich mit der Broschüre „Kurtze jedoch gründliche Nachricht von dem zu Kösen an der Saale entdeckten mineralischen Gesund-Brunnen...“des Medico & Physico Portensi (Schulpforte)  Johann Georg Gerhard (1726) veröffentlichte Lehmann zwei Schriften bei Zschau.

„Beweiß daß Ihr. Königl. Majestät der König in Pohlen und Churfürst in Sachßen, Christianen Eberhardinen Brunnen, der vor dem Jahr bey Reiboldts-Grün im Voigt-Lande  erschürffet und probiret worden, Einer der gesundesten und heilsamsten sey, Weil er das zarteste VITRIOLUM MARTIS in sich hält, auch bereits treffliche Curen gethan, was auch vor Bequemlichkeit vor die Bade-Gäste schon angeschafft worden“ Leipzig 1726  und ein Jahr später:

„Beweiß daß Ihr. Königl. Majestät der König in Pohlen und Churfürst in Sachßen, Christianen Eberhardinen Brunnen, der vor zwey Jahren bey Reiboldts-Grün im Voigt-Lande  erschürffet und probiret worden, auch vom July 1726 über hundert vortreffliche und besondere Curen gethan, Wahrhafftig einer der gesundesten und heilsamsten Brunnen sey, Es wird auch dieser aufs neue fleißig besuchet und  ist weit mehr  Bequemlichkeit denen Bade-Gästen aufgebauet und angeschaffet.“ Leipzig 1727.

Neben den zahlreichen Heilungserfolgen, die er akribisch beschrieb, verwies er hier letztmals auch auf sein  Lebenswerk, dessen Erfolg ihm durch Intrigen und dem Neid seiner Gegner bislang versagt blieb:

„Ich habe 20 Jahr auf meine Kosten den Saltz-Bau und das Saltz-Sieden gelernet und untersuchet und auch in contracditorio als Meister mich erhalten und öffentliche Proben gethan, durch diese solide Saltz-Schrifft ( d.s. Sachsen kann alle arme Saltz-Quellen...) so viele treue Sachsen durch mein unsägliches Bitten und Flehen endlich dahin gebracht, daß sie ...arme Sole zu gute sieden....und Sr. Königl. Majestät Interesse und armer Arbeiter Nahrung befördert...“. 

Trotz seiner Misserfolge und seiner Halsstarrigkeit, die letztlich zum finanziellen Ruin führten, verdient er es doch, als einer der Wegbereiter des Salzwesens und der Soletherapie des 19. Jahrhunderts gewürdigt zu werden.

 

August 2016

  1. Budde

 

Quellen: J. Chr. Lehmann: „Dennoch kan Sachsen kann alle arme Saltz-Quellen“ Zschau 1724

  1. H. G. Eisenach: „Das Sulzaer Thal...“ Klaffenbach, Naumburg 1821